Mittleres Gundlach-Mikroskop


Messing Mikroskop E. Gundlach No. 881 Messing Mikroskop E. Gundlach No. 881 Messing Mikroskop E. Gundlach No. 881 Messing Mikroskop E. Gundlach No. 881

Messing Mikroskop E. Gundlach No. 881

Mittleres Mikroskop von Gundlach; Stativ 5 um 1872; Mikroskop aus zaponiertem und geschwärztem Messing. Das Instrument verfügt über einen Schiebetubus für die Grobeinstellung und eine Feineinstellung über Parallelogrammführung, zu bedienen durch ein Rändelrad unter der Tischebene.
Messing Mikroskop E. Gundlach No. 881 Die Beleuchtung erfolgt über einen außerhalb der optischen Achse beweglichen Plan- und Konkavspiegel. Die Blendung wird über eine in Schiebehülse befindliche Zylinderblende mit ursprünglich drei Diaphragmen (eines noch vorhanden) erzielt. Bis auf die beiden Objektklemmen ist das Instrument in der Ausstattung komplett.

Das Instrument ist ausgerüstet mit den Objektiven E. Gundlach No I, E. Gundlach No V und E. Gundlach No VI (mit Korrektion) sowie den Okularen I, II und III (mit Mikrometerplatte).

Die Objektive werden in einer lederbezogenen Schatulle aufbewahrt, auf der in goldfarbenen Lettern zu lesen ist:

Messing Mikroskop E. Gundlach No. 881Objective
von
Gundlach

Auf dem Tubus ist das Mikroskop schlicht signiert:

E. Gundlach

Dieses Stativ 5 wird im Preis-Courant des optischen Instituts von E. Gundlach Berlin aus dem Jahre 1868 angeboten als:

Messing Mikroskop E. Gundlach No. 881
Mittleres Mikroskop von Gundlach bzw. Seibert; Abb. aus: Heinrich Frey: Das Mikroskop und die mikroskopische Technik; 8. Auflage; Verlag von Wilhelm Engelmann; Leipzig 1886 Nr. 5 Mittleres festes Mikroskop (ohne Schiefstellung und ohne drehbaren Tisch); hufeisenförmiger Messingfuss; Cylinderblendung mit einfacher vertikaler Schiebung und ohne Schlitten (mit 3 Diaphragmen); Hohl- und Planspiegel nach beiden Seiten hin beweglich. Schnelle Bewegung des Tubus durch freie Schiebung; genaue Einstellung mittelst feiner Schraube, deren Handknopf sich unter der Tubussäule befindet (Bewegung ohne Friction, siehe Nr. 1). Hierzu die Objective Nr. I, III, V und VIIb , Oculare Nr. I, II und III, letzteres mit Mikrometer zum Einschieben; Vergrösserung 30-1150fach; Condensator [sic!], 8 Test-Objecte, 12 Objectträger, Deckgläser etc. In starkem Mahagoni-Kasten, die Objective in besonderem Leder-Etui ... 62 Thlr.

[...]

Objectiv

Focus der
aequiv. Linse.

Oeffnungs-
Winkel.

Thlr.

Nr. I

1 Zoll

18 Grad

. . . . . .

4

Nr. V

1/8 Zoll

150 Grad

. . . . . .

8

Nr. VI

1/12 Zoll

175 Grad

a) ohne Correctionsschraube...

10

b) mit Correctionsschraube...

15

Die Ausstattung dieses Mikroskops ist scheinbar vom ursprünglichen Besitzer nach eigenem Bedarf zusammengestellt worden, da diese Kombination an Objektiven nicht zum Standardangebot von Gundlach bzw. Seibert gehört.

Das Mikroskop wird im Mahagonikasten liegend untergebracht, hier ist die Seriennummer Nr. 881 eingebrannt, dieselbe Seriennummer ist in die Standfläche des Hufeisenstativs eingeschlagen.

Das Instrument kann im Februar 2007 von einem Antikhändler in Bayern für diese Sammlung erworben werden.

Ernst Gundlach wird 1834 in Pyritz (Pommern) geboren und geht ab dem 14. Lebensjahr beim Berliner Hofmechaniker C. Lewert in die Lehre. Nach Abschluss seiner Ausbildung dort reist er über Wien und Amsterdam nach Paris um unter anderem in der Werkstatt von Georg Oberhäuser und Edmund Hartnack zu arbeiten.

Schließlich führt ihn seine Wanderschaft nach Wetzlar wo er im Optischen Institut arbeitet, welches zu jener Zeit (1858) von Friedrich Belthle geleitet wird. In Wetzlar heiratet Gundlach im Sommer 1859 und gründet mit Unterstützung seines aus jener Stadt stammenden Schwagers einen eigenen Betrieb.

Messing Mikroskop E. Gundlach No. 881Messing Mikroskop E. Gundlach No. 881Die beiden Brüder Wilhelm (1840 – 1925) und Heinrich (1842 – 1907) Seibert, welche als Verwandte Kellners noch unter dem Institutsgründer angelernt worden sind, kann Gundlach für seine neue Firma gewinnen und zur Kündigung bei Belthle überreden.

Knapp ein Jahr später geht das Unternehmen jedoch wieder ein und Gundlach reist nach England ohne seine Schulden in Wetzlar zu begleichen.

Auf den britischen Inseln arbeitet er bei verschiedenen Optikern und Mechanikern und kehrt schließlich 1865 nach Deutschland zurück um 1866 ein Optisches Institut in Berlin zu gründen.

Während Hartnack 1859 die Wasserimmersion in die moderne Mikroskopie einführt, stellt Gundlach sieben Jahre später Glyzerin-Immersions-Systeme vor und gewinnt bereits 1867 mit diesen Objektiven eine Goldmedaille in Paris. Die Instrumente aus der Werkstätte von Ernst Gundlach erlangen durch ihre hervorragenden Optiken rasch einen guten Ruf, nicht zuletzt durch die enge Zusammenarbeit Gundlachs mit den preußischen Universitäten. So wird das Lob des berühmten Bakteriologen Ferdinand Julius Cohn im 48. Jahres-Bericht der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur (Josef Max und Komp., Breslau 1871) für die Mikroskope von Ernst Gundlach wiedergegeben. Für das Pflanzenphysiologische Institut der Universität Breslau hat Prof. F. J. Cohn ein Stativ Nr. 5 von Gundlach, wie hier gezeigt, mit den Objektiven II, IV, VI und VIII erworben und bescheinigt bei der fünften Versammlung der Gesellschaft im Frühjahr 1870 den Optiken eine colossale Stärke der Vergrösserung, Reinheit des Bildes, Grösse des Gesichtsfeldes und der Focaldistanz [...] wie sie in dieser Vollendung bisher allein Hartnack zu leisten im Stande war.

Ernst GundlachDurch diese Reputation und hohe Löhne gelingt es Gundlach die ihm aus der Vergangenheit bekannten Gebrüder Seibert in Wetzlar für die Produktion von Stativen für seine Berliner Firma zu überzeugen. Beide haben mittlerweile Erfahrung in anderen Werkstätten gesammelt und beliefern zuvor Belthle in Heimarbeit, bis sie schließlich ausschließlich für Gundlach fertigen. Während Heinrich Seibert Mikroskoplinsen zur Fassung nach Berlin liefert, produziert Wilhelm Seibert Stative für Ernst Gundlach.

Das Unternehmen expandiert und zieht bis Anfang 1871 bereits zwei Mal in größere Räume um. Die überdurchschnittlich hohen Löhne werden Gundlach jedoch zum Verhängnis und so muss er im August 1872 Konkurs anmelden.

Messing Mikroskop E. Gundlach No. 881Mit finanzieller Beteiligung des Wetzlarer Kaufmanns Georg Krafft machen sich Wilhelm und Heinrich Seibert wenige Monate zuvor selbständig und stellen ihre Lieferungen an Gundlach ein, da dieser die Wechsel nicht mehr begleicht. Im Spätsommer 1872 übernimmt diese Firma so das Unternehmen von Gundlach und verlegt die Werkstätte mit dem Namen E. Gundlach's Nachfolger Seibert & Krafft 1873 nach Wetzlar.

Gundlach wandert mit seiner Frau und dem gerade 4 Wochen alten Sohn Karl in die USA aus um dort kurzzeitig mit Prof. Robert Bruce Tolles zusammen zu arbeiten. Schließlich baut Gundlach 1876 die neu gebildete Mikroskop-Abteilung von Bausch & Lomb Optical Company auf und entwickelt hier Messing Mikroskop E. Gundlach No. 881unter anderem den Professional-Stand (darauf verschiedene Patente, sowie die Goldmedaille auf der Weltausstellung in Philadelphia). Im Jahr 1878 macht sich der als im persönlichen Umgang schwierig beschriebene Ernst Gundlach mit der Gründung der Gundlach Manhattan Optical Comp. in Rochester, NY selbstständig - die Firma wird 1884 in Gundlach Optical Company umbenannt und 1893 zieht sich Gundlach aus dem Unternehmen zurück. 1904 kehrt Gundlach nach Berlin zurück, er soll hier in hohem Alter noch einmal einen Betrieb gegründet haben - 1908 erliegt er den Folgen eines Schlaganfalls.

Signatur von Ernst Gundlach, aus einer US-amerikanischen PatentschriftMikroskope mit der Signatur E.Gundlach Berlin sind überaus selten - weniger als 900 Instrumente werden derart signiert; nachdem die Brüder Seibert das Unternehmen übernommen haben, werden zu Beginn die Instrumente mit Gundlach ohne Ortsangabe signiert, genau wie das hier gezeigte Mikroskop, und später schlicht mit Seibert bzw. Seibert in Wetzlar. Die Nummerierung von Gundlach wird dabei ohne Unterbrechung weitergeführt.

(Viele der Daten zu Gundlach mit besonders freundlicher Unterstützung von Hans Weil, Berlin)

(Referenz 2, 37, 89)



10.10.2007 by Timo Mappes

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