Großes Hufeisenstativ von Hartnack um 1864

Das Mikroskop ist gefertigt aus zaponiertem, brüniertem und lackierten Messing, Stahl sowie schwarzem Glas. Das Mikroskop trägt im Kasten eingebrannt die Seriennummer 4815. Zur groben Einstellung dient eine Schiebehülse, der Feinfokus erfolgt über ein Rändelrad am unteren Ende der Säule. Die Beleuchtung erfolgt über einen dreifach gelagerten Plan- und Konkavspiegel, zur Blendung dient eine Zylinderlochblende, die in einer Halterung mit Schwalbenschwanzführung bewegt werden kann. Der Oberteil des Mikroskops kann um die optische Achse des Instruments gedreht werden.

E. Hartnack sucr. de G. Oberhaeuser farbige GläserAusgestattet ist das Mikroskop mit den Okularen Nr.2., Nr.2. mit Mikrometer, Nr.3., Nr.4. und ein weiteres Okular mit Mikrometer. Von den originalen Objektiven ist nur noch Nr. 4 erhalten..

Weiteres Zubehör:

Ein Satz Blaufilter und die Beistelllupe mit Blendenscheibe stellen das übrige Zubehör dieses Mikroskops dar

1848 führt Oberhäuser das hier gezeigte Hufeisenstativ ein, welches von allen führenden Herstellern übernommen wird und fast 100 Jahre im Gebrauch bleibt. Ferner standardisiert Oberhäuser die Tubuslänge auf 160 mm auf Veranlassung der damaligen Anatomen. So bleibt das Mikroskop ausreichend klein, um feuchte Objekte vertikal betrachten zu können, was mit den damaligen britischen Instrumenten nur schwer möglich ist. Dabei konstruiert Oberhäuser seine Mikroskope so einfach wie möglich, unter Verzicht auf technische Verfeinerungen, wiederum ganz im Gegensatz zu englischen Instrumenten. So erfolgt die Grobeinstellung durch Verschieben des Tubus mit der Hand, während nur zum Feinfokus eine Mikrometerschraube vorhanden ist. Diese einfache Bedienung ermöglicht es den Forschern, sich ganz auf ihre mikroskopische Arbeit zu konzentrieren. So erfreuen sich Mikroskope aus Oberhäusers Werkstätte sowohl auf Grund ihrer hervorragenden Objektive als auch der praktischen und relativ preiswürdigen Hufeisenstative großer Beliebtheit.

Bereits im letzten Drittel der 1860er wirkt bei diesem Stativ (nun bezeichnet als Stativ VII) der Feintrieb auf eine Prismenstange. Bei dem hier gezeigten Instrument jedoch findet man noch die alte Form der Feineinstellung nach Oberhäuser über eine Zylinderstange.

Im mit Seide gepolsterten Mahagonikasten wird das Instrument liegend aufbewahrt. In dieser Schatulle finden sich darüber hinaus auch zwei Mahagonischachteln zur Aufnahme der kleinen Hilfs- und Nebenapparate, Objektträger und Deckgläser.

Auf der Unterseite des Hufeisenstativs befindet sich noch das Leder zur gegenseitigen Schonung von Instrument und Tischplatte.

Am Tubusträger prangt die dekorative mehrzeilige Signatur:

E. Hartnack
sucr. de G. Oberhaeuser
bté s.g.d.g.beziehungsweise

Place Dauphine, 21,
Paris.

Die Abkürzung bté s.g.d.g. steht für die französische Patentformel breveté sans garantie du gouvernement – patentiert ohne Garantie der Regierung.

Angeboten wird das hier vorgestellte Stativ im „Preis-Verzeichnis der achromatischen Mikroskope von E. Hartnack, Nachfolger von G. Oberhaeuser in Paris / Place Dauphine, 21“ von 1861, noch mit den alten Objektiven wie folgt:

  1. Neues grosses (Hufeisen-) Mikroskop, abweichend von dem früheren Oberhäuser’schen grossen Gestelle. Besteht aus 4 Linsensystemen und 5 Okularen, wovon eins den Mikrometer enthält (und gestattet mit seinen Vergrösserungen alle wissenschaftlichen Arbeiten vorzunehmen). Hinzu kommen: eine grosse Beleuchtungslinse für opake Gegenstände, das sonstige nothwendige Zubehör, ein Lichtschirm mit gefärbten Glasplatten ; Mahagonikasten … 650 Francs. Dasselbe Instrument mit einem fünften (Immersions-)System … 750 Francs.

Im Preisverzeichnis von 1864 heißt es zu diesem Stativ, bereits ausgestattet mit den Objektiven neuerer Bauart:

  1. Neues grosses Mikroskop, dessen diptrische und mechanische Construction wesentlich von dem älteren grossen (Oberhäuser’schen) Gestell abweicht. Dieses ganz neu hergestellte Instrument bietet Vortheile, welche mit dem früheren Stativ nicht zu erhalten waren. Es besteht aus 5 Linsensystemen, von denen eines mit Immersion und Correctionsapparat, und 5 Ocularen, eines darunter mit Mikrometer. DIe Vergrösserungen dieser Systemreihen und Oculare erlauben alle wissenschaftlichen Arbeiten. Zu diesem Instrumente gehört eine grosse Beleuchtungslinse für opake Objecte; ferner die nothwendigen Hilfsapparate, Glasplatten, Scheibe mit farbigen Gläsern, alles enthalten in einem Mahagonikasten … 750 Francs. Dasselbe Instrument mit einem Charnier, welches schiefe Stellung gestattet… 800 Francs.

Im Kasten des Mikroskops findet sich die Visitenkarte des ursprünglichen Besitzers:

Le Docteur Jules d’Udekem
Professeur à l’Université de Bruxelles
rue de Namur, 52

Gérard Jules Marie Ghislain d’Udekem (08.06.1824 – 10.12.1864) ist Professor für Zoologie an der Universität Brüssel und selbst Schüler von Pierre-Joseph van Beneden (1809-1894), einem Zoologen und Paläntologen, der an der Katholischen Universität von Paris von 1836-1894 als Professor für Zoologie lehrt.

Edmund Hartnack

Edmund Hartnack (1826 – 1861)

Wird am 9. April 1826 zu Templin in der Uckermark geboren und lernt 1842 – 1847 in Berlin das Mechanikerhandwerk bei Wilhelm Hirschmann senior (1777 – 1847), welcher seinerseits mit Schiek und Pistor zusammengearbeitet hat. 1847 kommt Hartnack zu Heinrich Daniel Rühmkorff (1803-1877) nach Paris und geht später zu Oberhäuser. Dieser nimmt ihn 1854 als Teilhaber auf. Hartnack heiratet Johanna Maria Louise Kleinod, die Nichte Oberhäusers und übernimmt das Geschäft 1864, aus welchem sich sein früherer Chef mehr und mehr zurückgezogen hat.

Im Jahr 1864 tritt der aus Polen geflüchtete Professor Adam Prazmowski (1821 – 1888) dem Unternehmen bei. 1863 ist der frühere Assistent der Warschauer Sternwarte und Teilnehmer diverser Expeditionen zur Beobachtung von Sonnenfinsternissen und zur Gradmessung aus politischen Gründen nach Paris gegangen.

Zusammen mit Hartnack verbessert Prazmowski 1866 das Nicol’sche Prisma. 1878 schließlich wird Prazmowski Eigentümer der Werkstätte in der französichen Hauptstadt; nach seinem Tode 1885 übernehmen seine Meister Bézu & Hausser die Werkstätte und verkaufen diese 1896 schließlich an Alfred Nachet.

Hartnack muss auf Grund des deutsch-französischen Krieges 1870 Frankreich verlassen und wirkt fortan in Potsdam weiter, wo er am 9. Februar 1891 stirbt.

Hartnack wird bekannt für die hohe Qualität seiner Objektive, u.a. führt er die Wasserimmersion No. 11 im Jahre 1859 ein und ist damit kurze Zeit führend im Auflösungsvermögen, mit einer numerischen Apertur von 1,05. Er hat stets ein offenes Ohr für die mit seinen Mikroskopen arbeitenden Forscher. Auf der Weltausstellung 1862 in London gewinnt Hartnack eine Medaille für die allgemeine Qualität seiner Mikroskope von denen es heißt: „Sie gleichen im Wesentlichen dem Oberhäuserschen Modell, bei der der Mikroskopkörper auf einer hohlen, zylindrischen Basis steht, deren Oberseite als Objekttisch fungiert.“ Die Hartnack’schen Objektive hält man im London jener Zeit zweifelsohne für die besten aus nicht-englischer Fertigung. Hartnack verwendet ferner Wasserimmersion bevor diese Technik auf den britischen Inseln Einzug hält.

Wegen seiner Verdienste um die Medizin durch Bau und Vertrieb seiner Mikroskope wird er 1868 zum Ehrendoktor der medizinischen Fakultät Bonn ernannt; die preußische Regierung verleiht ihm 1882 den Professorentitel.

Über das Exponat

Der erste Besitzer dieses Mikroskop hat das Instrument erst wenige Monate vor seinem frühen Tod erworben. Die genauen Besitzverhältnisse des Geräts in den folgenden 100 Jahren sind unklar. Um 1970 wird das Mikroskop in der vorliegenden Ausstattung von Professor Raymond Mayné (1887-1971), dem damaligen Rektor des „Institut agronomique de Gembloux“, an einen verdienten Mitarbeiter, Jean Gervy übereignet.
Das Instrument lagert Anfang der 1980er auf dem Dachboden des Wohnhauses von Jean und Béatrix Gervy, als dieses teilweise in Flammen aufgeht. Der Mahagonikasten schützt das Instrument erfolgreich vor dem Ruß des Feuers und dem darauf folgenden Löschwasser. Allein die äußeren Schichten des Holzes werden durch dieses Ereignis geschwärzt. Im April 2006 kann das Mikroskop schließlich aus Rixensart, Belgien für diese Sammlung erworben werden.

Referenzen und Vergleiche

Vergleiche Referenz

1, 2, 25, 47, 48, 56, 75, 84, 85, 97.

Falls Sie ein Instrument anzubieten hätten, würde ich mich über eine Nachricht immer sehr freuen.