Kleines Hufeisenmikroskop

Edmund Hartnack in Paris

Kleines Hartnack’sches Mikroskop; kleinstes Hufeisenstativ mit Kippe IIIA aus dem Jahre 1872

Seriennummer 11186. Das Mikroskop besteht aus zaponiertem, geschwärztem und grün lackiertem Messing, Stahl, und einem grün lackierten Hufeisen aus einer Zinklegierung. Das Mikroskop verfügt über ein Gelenk zum Umlegen, zur groben Einstellung dient eine Schiebehülse, der Feinfokus wird eingestellt über ein Rändelrad, welches auf den Prismentrieb der Säule wirkt.

Zur Beleuchtung dient ein dreifach gelagerter konkaver Spiegel, unter der Tischplatte ist ein Lochblendenrevolver mit fünf Aperturen angebracht, der Tubus.

Das Mikroskop trägt auf dem Tubus die Signatur:

E.Hartnack
Place Dauphine, 21.
Paris

An Okularen sind beigegeben Nr. 2 und Nr. 3.

Das Mikroskop trägt auf dem Tubus die Signatur:

E.Hartnack

Place Dauphine, 21.

Paris

An Okularen sind beigegeben Nr. 2 und Nr. 3.

Neben dem Objektiv Nr. 4 alter Bauart gehört zu diesem Instrument die berühmte Hartnack-Immersion Nr. 9 mit Korrektion. Sie wird bewahrt in einer Messingbüchse, welche mehrzeilig dekorativ signiert ist:

 No 9

immersion

E.Hartnack

et Cie

Da das Stativ IIIA  im Jahre 1872 standardmäßig mit den Objektiven älterer Bauart mit Oberhaeuser-Gewinde aufgeliefert wird,  ist diesem Mikroskop ein Adapter vom Gewinde nach Oberhaeuser zum Gewinde nach Hartnack beigegeben.

Mit dieser optischen Zusammenstellung ergeben sich zu erzielende Vergrößerungen von 50 bis 630-fach linear.

Dieses Mikroskop erscheint im Preis-Courant der Firma Dr. E. Hartnack et Cie aus dem Oktober 1872 sowie mit unverändertem Preis im „Preisverzeichniss der achromatischen Mikroskope von Dr.E.Hartnack & A. Prazmowski, Nachfolger von G. Oberhäuser“ aus dem Jahre 1876 als No. IIIA:

No. II. A. Mikroskop mit festem Objekttisch, Mikrometerschraube über der Säule, Spiegel in freier Bewegung für schiefe Beleuchtung mit den Systemen 4, 7 und den Okularen 2 und 3; Vergrösserungen 50, 65, 220 und 300; mit Beleuchtungslinse für opake Körper….135 Fr. 108 Mark
Dasselbe Instrument unter Hinzufügung des Objektivs No. 8 und des Okulars No. 4; Vergröss. 50-600….185 Fr. 148 Mark

No. III. Mikroskop, das Gestell im oberen Theile dem vorherigen ähnlich, mit Hufeisenfuss, frei beweglichem Spiegel für schiefe Beleuchtung; optischer Apparat derselbe…155 Fr. 124 Mark
Um Vergrösserungen bis 600 zu erhalten…205 Fr. 164 Mark

No. III.A. Mikroskop, dem vorigen gleich; Säule aber mit einem Charnier, um in geneigter Lage des Instruments beobachten zu können; optischer Apparat wie vorher…170 Fr. 136 Mark
Um Vergrösserungen bis 600 zu erhalten…220 Fr. 176 Mark

[…]

Neue Systeme mit Immersion und Korrektion.

No. 9; 1/12 Zoll; 150 Fr. 120 Mark.

Es ist an Hand der Preislisten und einer sinnvollen Vergrößerungsfolge davon auszugehen, dass von der ursprünglichen Ausrüstung des Mikroskops das Objektiv Nr. 7 alter Bauart zum Preis von 35 Fr. / 28 Mark abhanden gekommen ist. Ohne dieses Objektiv kostet das hier gezeigte Mikroskop samt Ausstattung 228 Mark im Jahre 1876.

Dieses Stativ wird mit modernisiertem Prismenfeintrieb, doch in der sonstigen Einrichtung gänzlich unverändert, noch 1911 angeboten.

Edmund Hartnack

Edmund Hartnack (1826 – 1891)

wird am 9. April 1826 zu Templin in der Uckermark geboren und lernt 1842 – 1847 in Berlin das Mechanikerhandwerk bei Wilhelm Hirschmann senior (1777 – 1847), welcher seinerseits mit Schiek und Pistor zusammengearbeitet hat. 1847 kommt Hartnack zu Heinrich Daniel Rühmkorff (1803-1877) nach Paris und geht später zu Oberhäuser. Dieser nimmt ihn 1854 als Teilhaber auf. Hartnack heiratet Johanna Maria Louise Kleinod, die Nichte Oberhäusers und übernimmt das Geschäft 1864, aus welchem sich sein früherer Chef mehr und mehr zurückgezogen hat.

Hartnack muss auf Grund des deutsch-französischen Krieges 1870 Frankreich verlassen. Die Wirren in der französischen Hauptstadt bringen schwere Monate für die Werkstätte – Prazmowski führt die Geschäfte weiter und erstattet Hartnack so regelmäßig als möglich Bericht.

Anfang des Jahres 1872 nimmt Hartnack schließlich in Potsdam die Produktion von Mikroskopen auf und signiert seine Instrumente mit „E.Hartnack & Co Paris & Potsdam“. Die dort ausgelieferten Instrumente werden in Abstimmung mit der Pariser Werkstätte nummeriert, bis diese an Prazmowski verkauft wird.

Der viel geehrte Edmund Hartnack stirbt nur wenige Wochen nach dem Tod seiner geliebten Frau am 9. Februar 1891 in Potsdam.

Adam Prazmowski

Adam Prazmowski (1821 – 1885)

Im Jahr 1864 tritt der aus Polen geflüchtete Mathematik-Professor Adam Prazmowski (geb. 25.03.1821 in Warschau) dem Unternehmen bei. 1863 ist der frühere Assistent der Warschauer Sternwarte aus politischen Gründen nach Paris emigriert. Zuvor nimmt er 1846-49 an der geodätischen Vermessung Polens teil und bereist bereits 1851 Deutschland und Frankreich.  Neben Beobachtungen der Sonnenfinsternissen 1852 & 1853 ist der Wissenschaftler Mitglied der Gradmessug Eismeer-Bessarabien im Jahre 1853 und Gesandter zur Beobachtung der Sonnenfinsternis 1860 in Spanien. Prazmowski hat sich als Observator schon zuvor mit Optik und der Berechnung von Linsensystemen beschäftigt – die fruchtbare Zusammenarbeit mag als Erklärung dienen, dass er bereits 1865 zum mechanischen Direktor des Unternehmens benannt wird. In dieser Zeit wird das Nicolsche Prisma (1866) und das Saccharimeter (1873) verbessert sowie ein eigener Beleuchtungsapparat entwickelt. 1878 wird Prazmowski Eigentümer der Pariser Filiale; nach seinem Tode 1885 übernehmen seine Meister Bézu & Hausser die Werkstätte und verkaufen diese 1896 schließlich an Alfred Nachet.

Über das Exponat

Das hier gezeigte Mikroskop stammt aus dem privaten Nachlass von Prof. Dr.phil. Karl Henke (1895 – 1956). Nach dem Studium der Naturwissenschaften in Tübingen, Hamburg und Göttingen promoviert Karl Henke 1924 an der Georgia Augusta Universität Göttingen, wo er sich 1928 habilitiert und bis 1932 als Assisstent von Alfred Kühn am Zoologischen Institut weiter forscht. 1933 bis 1937 arbeitet er als Assisstent von Richard Goldschmidt am Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie in Berlin-Dahlem und als Rockefeller-Stipendiat für ein Jahr an der Yale University, New Haven, USA. 1937 wird er zum Nachfolger seines Lehrers Kühn berufen und Ordinarius für Zoologie, Direktor des zoologischen Instituts und Museums der Universität Göttingen. Nach einem Jahr als Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät 1955/56 erkrankt Henke schwer und verstirbt Mitte September 1956.

Leider ist nicht bekannt, wie Karl Henke an dieses Mikroskop von Hartnack gelangt – aus seinem Nachlass ist an mikroskopischen Gegenständen sonst nur ein großer Zeichenapparat nach Abbe von Carl Zeiss Jena aus den 1930ern und ein Seibert-Objektiv Nr.1 aus 1899 erhalten.

Die Tochter jenes Wissenschaftlers verkauft das hier gezeigte Mikroskop im September 2005 an diese Sammlung

Referenzen und Vergleiche

Vergleiche Referenz

1, 2, 25, 47, 48, 56, 75, 84, 85, 87, 136 und The Microscope Collection at the Science Museum London: „Compound Microscope by Hartnack & Prazmowski“, signiert „E.Hartnack & A.Prazmowski / Rue Bonaparte, 1 / Paris“, Inventory No. A645031; Sammlung des Royal Museum Edinburgh, Schottland: Microscope, signed: ‚Mon. E.. Hart. & A.. Praz. / A.. Prazmowski, sucr / Rue Bonaparte, 1. / Paris‘, sowie dem Benutzer abgewandt auf der Kante des Tisches: ‚Bryson, Edinburgh‘, Inventory No. 1980.228; Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum Wien: „Zusammengesetztes Mikroskop um 1875 / Signatur: E. Hartnack & A. Prazmowski, Rue Bonaparte 1, Paris“, Seriennummer 14834, Museal-Nr. 25.167 und „Zusammengesetztes Mikroskop um 1875 / Signatur: Mon. E. Hart. & A. Praz., A. Prazmowski suc., Rue Bonaparte 1, Paris“, Seriennummer 20188, Museal-Nr. 26.169 und „Zusammengesetztes Mikroskop um 1875 / Signatur: Mon. E. Hart. & A. Praz., A. Prazmowski suc., Rue Bonaparte 1, Paris“, Seriennummer 20382, Museal-Nr. 24.277″; Historic Microscopes at the Laupus Health Sciences Library, East Carolina University, Greenville. NC: „Early Continental Style Microscope, E. Hartnack at A. Prazmowski, Paris“, Inventory No. F5.

Falls Sie ein Instrument anzubieten hätten, würde ich mich über eine Nachricht immer sehr freuen.