Kleines Mikroskop

von F. W. Schiek

Kleines Schiek Mikroskop;

Flachfußstativ von 1854 im Kasten, zaponiertes und geschwärztes Messing, gebläuter Stahl. Das Mikroskop verfügt über einen Auszugstubus (mit kleiner Luftauslaßbohrung), die grobe Einstellung wird über einen Schiebetubus ermöglicht, der Feinfokus durch eine die Säule durchstoßende Rändelschraube welche den Tisch gegen eine Feder neigt.

Die Signatur des Instrumentes befindet sich auf dem Steg zwischen Säule und Tubus. Hier liest man mehrzeilig in dekorativer Schrift:

Schiek
in
Berlin
No 717

Neben drei Okularen, Nr. 0, Nr. 1 (mit einfacher Mikrometereinteilung) und Nr. 2 ist dem Instrument ein vierteiliges Satzobjektiv mit den Schlagzahlen 1, 2, 3, und 4 auf den Linsenfassungen beigegeben. Die hohe Qualität der Linsenfassungen ist schon allein an dem deutlich überkragenden objektseitigen Rand zu erkennen – selbst bei unachtsamer Benutzung konnte so eine Beschädigung der Optik vermieden werden.

Objektiv

Okular

Linse Nr.

Nr. 0

Nr. 1

Nr. 2

1

30

50

1+2

60

90

120

1+2+3

110

145

2+3+4

200

290

500

Hugo von Mohl beschreibt in Mikrographie (L.F. Fues, Tübingen 1846) zu derartigen Objektiven: Plössl und Schiek geben ihren Mikroskopen nur wenige (6-7) Objective bei, welche in der Reihenfolge, wie sie in der Stärke aufeinander folgen und mit den Zahlen 1, 2, 3 … bezeichnet sind, in den folgenden Combinationen gebraucht werden können, 1, 1+2, 1+2+3, 2+3+4, 3+4+5, 4+5+6. Es folgt also hieraus, dass man beim Wechseln der Objective und der Wahl der nächst stärkeren Combination meistens die hinterste Linse abschrauben und vorn eine neue aufschrauben muss. Da dieses immer mit einem gewissen Zeitaufwande verbunden ist, so ist die Einrichtung, welche Amici, Oberhäuser u.A. ihren Objectivsystemen geben, nämlich die Zusammensetzung eines jeden desselben aus mehreren zusammengehörenden Linsen, von denen keine bei einem anderen Systeme verwendet wird, die bequemere, indem hiebei [sic!] die verschiedenen Systeme eben so schnell, wie einfache Objective gewechselt werden können.

Als Blende fungiert eine Schiebehülse mit zwei der Linsenkombination entsprechend gekennzeichneten Einsätzen 123 und 234.

Der schön gefaßte Plan- und Konkavspiegel ist dreh- und schwenkbar gelagert.

Liegend wird das Mikroskop im Mahagoni-Kasten untergebracht.

Eine zeitgenössische Anmerkung zu eben der hier gezeigten Konstruktion der Feineinstellung lautet (Adolph Hannover: Das Mikroskop, seine Construction und sein Gebrauch; Leopold Voss; Leipzig 1854: 41):

Eine eigenthümliche Bewegungsart des Tisches hat Schiek bei einigen seiner neuern Instrumente angewendet. Der Tisch geht an der Säule, die ihn trägt, in einem Charniergelenk, in welchem er mittelst einer Schraube in senkrechter Ebene drehbar ist. Freilich erhält dabei das Sehfeld geneigt Lagen; bei der Kleinheit desselben wird diese Neigung indessen, so falsch sie in der Theorie ist, in der Praxis kaum zu einem Fehler.

Ähnlich urteilt Herrmann Schacht als Privatdozent an der Universität Berlin (Herrmann Schacht: Das Mikroskop und seine Anwendung, insbesondere für Pflanzen-Anatomie. Zweite, verbesserte und stark vermehrte Auflage; G. W. F. Müller; Berlin 1855: 7):

Sämtliche neueren Mikroskope von Schiek, desgleichen die kleineren Instrumente von Bénèche und von Wappenhans sind mit einer, allerdings der Theorie nach fehlerhaften feineren Einstellung versehen, die sich dessen ungeachtet in der Praxis sehr bewährt. Der hinreichend große Objecttisch ist nämlich, nach dem Princip von Norbert durch zwei feine Spitzen, gewissermaßen wie eine Klappe, an der Säule des Stativs aufgehängt. (Taf. 2, Fig. 1.) In dem die Stellung des Tisches zur Säule des Stativs sich vermittelst einer Schraube etwa von 88° bis 92° verändern läßt, wird der Gegenstand dem Objectiv genähert oder entfernt. Das Bild schlottert nicht, der Tisch ist hinreichend fest und der früheren Einrichtung der Mikroskope bei weitem vorzuziehen.

Über Friedrich Wilhelm Schiek

Friedrich Wilhelm Schiek

Friedrich Wilhelm Schiek wird 1790 als Sohn eines Chirurgen in Herbsleben, Thüringen geboren. Sein Vater wechselt den Beruf und zieht mit der Familie nach Frauensee.

Im nahegelegenen Schloß Philippsthal des Prinzen Ernst Constantin zu Hessen-Philippsthal entsteht kurz vor 1800 eine mechanische Werkstatt. Als Nachfolger des Hofmechanicus Heinrich Carl Wilhelm Breithaupt wird 1800 Ludwig Wisskemann als erster Hofopticus und Mechanicus ernannt; bei ihm geht der junge Schiek von 1808 bis 1811 in die Lehre. In Schieks Lehrbrief wird sein Fleiß und gute Benehmen besonders hervorgehoben.

Mit solch guten Referenzen wird Schiek als Mitarbeiter bei Pistor in Berlin aufgenommen. Carl Philipp Heinrich Pistor (1778-1847 ) hat bereits 1810 einfache physikalische Geräte angeboten und spätestens 1813 eine eigene Werkstätte gegründet, in der neben astronomischen und geodätischen Instrumente auch Mikroskope gefertigt werden. Letztere sind nach dem Vorbild der englischen Geräte gebaut, z.B. nach Jones, Ellis, Adams etc.

Das älteste bekannte Stück mit der Signatur „Pistor & Schiek“ ist der Preußische Ur-Maßstab von 1816. Als Gründungsjahr der Firma Schiek wird schließlich 1819 angegeben, vier Jahre vor Plössl (mit dessen Stil die Mikroskope Schieks häufig verglichen werden). Das optisch-mechanische Institut bezeichnet sich später selbst in Anzeigen als älteste Mikroskopfabrik Deutschlands.

Möglicherweise ist Schiek bis zum Jahr 1824 als Zulieferer für Pistor tätig. Danach wird er Teilhaber, die Firma nennt sich Pistor & Schiek. Aus dem Jahre 1829 liegt in den Astronomische Nachrichten Bd. 7 eine ausführliche Preisliste vor.

Sehr wahrscheinlich ist Schiek neben dem kreativen Theoretiker Pistor der mechanische Künstler in der Werkstatt. Man spricht in der Literatur der Zeit lobend von den Schiek’schen Mikroskopen, was den Schluß nahelegt, dass Schiek sich schon früh allein um die Mikroskopherstellung bei „Pistor & Schiek“ kümmert. Gegen Ende des Jahres 1836 trennt sich Schieck schließlich von Pistor.

In Dorotheenstraße 31g baut Schiek ab 1837 in eigener Werkstatt Mikroskope. Schon bald siedelt Schiek in die Marienstraße 1a in größere Räume um. Bei der Berliner Gewerbeausstellun von 1844 wird Schiek eine goldene Medaille für den Bau seiner Mikroskope verliehen. Man stellt die Leistung der Instrumente aus Schieks Werkstatt mit jenen von Georges Oberhaeuser Paris und Simon Plössl Wien gleich. Besonders erwähnt wird bei allen drei, dass keine überzogenen Preise für die Mikroskope verlangt werden würden. Die mittleren Stative aller drei Firmen belaufen sich dabei um 1850 auf gut 100 Thaler – das entspricht dem halben Jahrslohn eines gut bezahlten Mechanikers.

Bis Mitte der 1850er verwenden Schiek und Plössl starke Okulare und schwache Objektive – im Gegensatz zu Oberhaeuser und Amici welche die Vorteile höherer Auflösung bei umgekehrtem Verhältnis bereits erkannt haben. Zudem werden Mikroskope von Oberhaeuser und Hartnack seit Beginn mit festen System ausgeliefert, während Schiek noch bis 1860 zusammensetzbare Objektive baut.

Der „Rothe Adler Orden 4. Klasse“ wird Schiek 1858 vom preußischen König für seine Verdienste im Mikroskopbau verliehen. Bis zu diesem Zeitpunkt haben 954 Mikroskope die Werkstatt verlassen. Von 1837 bis 1864 werden insgesamt 1340 Instrumente ausgeliefert.
Die Werkstatt zieht 1864 in die Halleschestraße 15 und zwischen 1868 und 1870 weiter ins Nachbarhaus Nr. 14, Rudolf Virchow (Darstellung der Lehre von den Trichinen, mit Rücksicht auf die dadurch gebotenen Vorsichtsmaßregeln. Verlag von Georg Reimer; Berlin 1864: 49) empfiehlt in jenem Jahr die einfachen Mikroskope von Schiek für die Trichinenschau und gibt in seinem Werk noch die alte Anschrift des berühmten Optikers Schiek in Berlin an. In den Jahren 1860 bis 1864 bildet Schiek seinen Sohn Friedrich Wilhelm Hermann Schieck [sic!] aus, der die Werkstatt schließlich 1865 übernimmt. F.W. Schieck spezialisiert sich auf die Weiterentwicklung handlicher und zugleich leistungsstarker Trichinen- und Reisemikroskope. Sein Vater stirbt 1870.

Über die weitere Geschichte von „F.W.Schieck Berlin“, siehe die Diskussionen späterer Instrumente der Firma auf diesen Seiten!

Über das Exponat

Vermittlung des Instrumentes mit freundschaftlicher Unterstützung von Simon Weber-Unger, Wien – ihm möchte ich hier nochmals herzlich danken!

Referenzen und Vergleiche

Vergleiche

AFIP 49121 – 60-4713-111, Billings Collection Washington , S. 59, Abb. 109 für das Nachfolgemodell signiert „Schiek in Berlin 1143“- dort 7 Jahre zu jung datiert; The Microscope Collection at the Science Museum London: „Compound Microscope by Schiek“, signiert „Schieck / No. 1506“, Inventory No. A56424; Instituto e Museo di Storia della Scienza, Firenze (Florenz): „compound microscope“ Schiek in Berlin No 684, c. 1850 (ohne Optiken & Zubehör)

Referenz

25, 128; viele der Daten zu F.W. Schiek mit freundlicher Unterstützung von Hans Weil, Berlin

Falls Sie ein Instrument anzubieten hätten, würde ich mich über eine Nachricht immer sehr freuen.