Mittlere Trommel

Georg Oberhaeuser et E. Hartnack in Paris

Oberhäuser & Hartnack Trommelmikroskop; Stativ IV um 1858

Das Instrument ist gefertigt aus zaponiertem und geschwärztem Messing, blankem und bebläutem Stahl. Die Beleuchtung erfolgt über einen Hohlspiegel und eine Revolverlochblende. Der Auszugstubus wird zur groben Einstellung mit freier Hand verschoben, die feine Fokusierung erfolgt über einen Trieb, der unter der Säule befindet und welcher mit der bequem neben dem Instrument liegenden Hand des Mikroskopikers bedient werden kann.

An optischer Ausstattung sind dem Instrument beigegeben:

Die Objektive 4 , 7 und 8 sowie die Okulare 2 und 4. Diese Objektive können direkt an eine Aufnahme geschraubt werden.

An Hand alter Preislisten lassen sich die zu erzielenden Vergrösserungen mit dieser Optik rekonstruieren:

Objektive
Nr.

Okulare

2

4

4

50

100

7

140
220

450

8

300

600

Dem Mikroskop sind sieben in Papier gefasste Testpräparate mit französischer Beschriftung beigegeben. Auf dem Tubus befindet sich die mehrzeilige Signatur des Instruments

Oberhaeuser

et E. Hartnack

Place Dauphine 21

Paris.

Dieses Mikroskop trägt die Seriennummer Nr. 3207 ins Leder der Stativplattenunterseite eingebrannt – die selbe Zahl ist auch in den samtgepolsterten Kasten geprägt, bzw. in die Schatulle zur Aufbewahrung der Objektive und des Polarisators eingebrannt.

Das recht gut erhaltene Instrument verfügt über einen relativ seltenen frühen Polarisationsapparat, dessen Polarisator bei größter eingestellter Aperturöffnung der Revolverlochblende in der Tischplatte versenkt werden kann – ein Schlagsymbol markiert die Orientierung. Der zugehörige Analysator läßt sich um 120° in seiner Fassung drehen – er wird zur Verwendung als Tubusanalysator direkt hinter dem Objektiv eingefügt. Später wird dieser Nebenapparat von Hartnack mit einer Kondensorlinse ausgestattet angeboten.

Ein Vorteil dieser für Oberhäuser typischen Position des Analysators liegt darin,

dass so das größte Gesichtsfeld vom Benutzer bequem überblickt werden kann, auch wenn nur durch recht starkes Abblenden ein vollständig dunkles Gesichtsfeld bei gekreuzten Nicols erreicht werden kann. Ersters ist die favorisierte Überlegung, denn auch bei späteren Konstruktionen von Polarisationseinrichtungen der Firma ist die maximale Größe des Gesichtsfeld stets das Ziel.

Dieses Mikroskop stellt ein typisches mittleres Mikroskop-Stativ aus den 1850ern dar. Ein identisches Instrument, ebenfalls mit dem sehr seltenen Polarisationsapparat, kann man heute im Berliner Medizinhistorischen Museum an der Charité bewundern: Das persönliche Instrument von Rudolf Virchow (1821-1902), einem der bedeutendsten deutschen Ärzte und Politiker des 19. Jahrhunderts. Leider wurde das Instrument dieses Mediziners aber einmal im Laufe der Jahrzehnte poliert, so dass heute leider sämtlicher Lack diesem Mikroskop fehlt.

Mit einer mittleren Trommel von Georg Oberhäuser und einem Stangenstativ von Schiek in Berlin im Hintergrund läßt sich während seiner Forschungen auch der seine Zeit sehr prägende Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919) malen.

Im Preis-Verzeichnis der achromatischen Mikroskope von E. Hartnack, Nachfolger von G. Oberhaeuser in Paris / Place Dauphine, 21 von 1861 erscheint dieses Mikroskop in der Grundausstattung mit den Objektiv 4 und 7 sowie 2 Okularen bzw. erweitert mit einem dritten Objektiv und Okular wie folgt:

  1. Achromatisches Mikroskop mit kleinem Trommelstativ, feststehendem Objekttisch (breiter als bei No.3). Vergrößerungen 50, 65, 140, 172, 220 und 300. Drehbares Diaphragma. Mahagonikästchen……140 Francs Um Vergrößerungen bis 600 zu erhalten…..190 Francs

Polarisationsapparate (für Mikroskope ab No.4 an verwendbar)…..50-70 Francs

Das hier gezeigte Stativ wird in nahezu gleicher Bauweise von der konkurrierende Firma Nachet, Paris angeboten.

Oberhäusers Werkstatt

gelingt schnell zu einem guten Ruf durch günstige und solide Instrumente mit ausgezeichneten achromatischen Objektiven.

1848 führt Oberhäuser das Hufeisenstativ ein, welches von allen führenden Herstellern übernommen wird und fast 100 Jahre im Gebrauch bleibt. Ferner standardisiert Oberhäuser die Tubuslänge auf 160 mm auf Veranlassung der damaligen Anatomen. So bleibt das Mikroskop ausreichend klein, um feuchte Objekte vertikal betrachten zu können, was mit den damaligen britischen Instrumenten nur schwer möglich ist. Dabei konstruiert Oberhäuser seine Mikroskope so einfach wie möglich, unter Verzicht auf technische Verfeinerungen, wiederum ganz im Gegensatz zu englischen Instrumenten.

So erfolgt die Grobeinstellung durch Verschieben des Tubus mit der Hand, während nur zum Feinfokus eine Mikrometerschraube vorhanden ist. Diese einfache Bedienung ermöglicht es den Forschern, sich ganz auf ihre mikroskopische Arbeit zu konzentrieren. So erfreuen sich Mikroskope aus Oberhäusers Werkstätte sowohl auf Grund ihrer hervorragenden Objektive als auch der praktischen und relativ preiswürdigen Hufeisenstative großer Beliebtheit. In den Jahren 1831 bis 1856 gehen 3000 Mikroskope aus Oberhäusers Werkstatt hervor.

Johann Georg Oberhäuser

Johann Georg Oberhäuser (1798 – 1868)

Der am 16. Juli 1798 als Sohn eines bayrischen Drechslermeisters in Ansbach (Mittelfranken) geborene Johann Georg Oberhäuser besucht das Gymnasium und will den Ingenieurberuf ergreifen. Durch den frühen Tod seines Vaters wird er jedoch gezwungen, 1812 als Mechanikerlehrling bei dem Universitätsmechaniker du Mouceau in Würzburg einzutreten.

Nach drei Jahren stirbt sein Lehrherr und Oberhäuser begibt sich als Mechanikergehilfe im Frühjahr 1816 nach Paris. Dort gelingt es ihm, mit tüchtigen Fachleuten in Kontakt zu treten und so kann er sich schon 1830 mit Trécourt und Bouquet selbständig machen. Schon bald trennt sich Oberhäuser jedoch wieder von seinen Kompagnons. Feldstecher und Mikroskope werden die Haupterzeugnisse.

Zunächst verbessert er das aus dem 18. Jahrhundert stammende Trommelstativ ab 1835, wobei er es unter anderem im Innern des Fußes mit Blei beschwert. Das Schutzrecht auf ein ein microscope achromatique vertical à miroir fixe avec platine à tourbillon wird Georges Oberhaeuser zusammen mit Achille Trécourt im Oktober 1837 erteilt.

Edmund Hartnack

Edmund Hartnack (1826 – 1861)

wird am 9. April 1826 zu Templin in der Uckermark geboren und lernt 1842 – 1847 in Berlin das Mechanikerhandwerk bei Wilhelm Hirschmann senior (1777 – 1847), welcher seinerseits mit Schiek und Pistor zusammengearbeitet hat. 1847 kommt Hartnack zu Heinrich Daniel Rühmkorff (1803-1877) nach Paris und geht später zu Oberhäuser. Dieser nimmt ihn 1854 als Teilhaber auf. Hartnack heiratet Johanna Maria Louise Kleinod, die Nichte Oberhäusers und übernimmt das Geschäft 1864, aus welchem sich sein früherer Chef mehr und mehr zurückgezogen hat.

Über das Exponat

Während die „kleine Trommel“ als kompaktestes Stativ der Firma noch bis in die 1880er produziert wird, wird die „mittlere Trommel“ Mitte der 1870er von anderen Modellen abgelöst.

Dieses Mikroskop stammt aus dem privaten Nachlass des in bescheidenen Verhältnissen lebenden Prof. Dr. phil. Erwin Kamptner (1889 – 1972), der vor allem auf dem Gebiet der Coccolithen arbeitet und lange Zeit in der paläontolgischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien wirkt. Woher er das Instrument ursprünglich erhält ist nicht mehr rekonstruierbar; im Januar 2003 kann es für die Sammlung angekauft werden.

Referenzen und Vergleiche

Vergleiche Referenz

1, 2, 47, 56, 83, 88, 136 sowie Berliner Medizinhistorisches Museum an der Charité: „Mikroskop von Rudolf Virchow“ signiert: G. Oberhaeuser et E. Hartnack, Place Dauphine 21, Paris (u.a. abgebildet in Referenz 37, das persönliche Mikroskop von Rudolf Virchow); Deutsches Technikmuseum Berlin: „Mikroskop um 1840; Oberhäuser, Paris“, signiert: G. Oberhaeuser, Place Dauphine 19, Paris; Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum Wien: „Zusammengesetztes Mikroskop, Trommelmikroskop um 1850 / Signatur: G. Oberhaeuser, Place Dauphine, Paris“, Museal-Nr. 25.409 und „Zusammengesetztes Mikroskop, Trommelmikroskop um 1859 / Signatur: G. Oberhäuser & E. Hartnack, Place Dauphine, Paris“, Seriennummer 2885, Museal-Nr. 26.818; Sammlung der Royal Microscopical Society: „Compound Microscope, signed: ‚G. Oberhaeuser et E. Hartnack, Place Dauphine 21, Paris'“, Inventory No. 203:A99; The Microscope Collection at the Science Museum London: „Achromatic Microscope by Oberhaeuser“, signiert „G. Oberhaeuser, / Place Dauphine / Paris.“, Inventory No. 1912-212; Mikroskopsammlung des Polytechnischen Museums Moskau: Mikroskop, Inventurnummer PM 008275 (MIM 154) und Mikroskop, Inventurnummer PM 008054 (MIM 152); Museum of the History of Science Oxford: „Drum Microscope, by G. Oberhaeuser, Paris, c. 1840“, signed: „G. Oberhaeuser, Place Dauphine, Paris“ box stamped with serial no „1974“, Inventory No. 41612 and „Compound Microscope, by E. Hartnack, Paris, c. 1870“, signed: „E. Hartnack Sucr. de G. Oberhaeuser. Place Dauphine, 21, Paris.“ serial No. „3800“, Inventory No. 52875; Historic Microscopes at the Laupus Health Sciences Library, East Carolina University, Greenville, NC: „Medium Drum Microscope, E. Hartnack sucr. De G. Oberhaeuser Paris, No. 3902“, Inventory No. F2.

Falls Sie ein Instrument anzubieten hätten, würde ich mich über eine Nachricht immer sehr freuen.