Trommelmikroskop

Georges Oberhaeuser in Paris

Oberhäuser Mikroskop: Trommelstativ aus dem Jahre 1846

Das Mikroskop besteht aus zaponiertem, geschwärztem und grün lackiertem Messing und schwarzem Glas. Dieses Mikroskop ist ausgeführt als Trommelstativ, dessen Tischplatte und Aufbau sich um die optische Achse auf dem trommelförmigen Fuß drehen lässt. Die grobe Einstellung erfolgt durch einen Schiebetubus, der Feinfokus über eine unter der Säule angebrachte Rändelschraube.

Die Beleuchtung erfolgt über einen Plan- und Konkav-Spiegel,

ein Hebelmechanismus gewährt das Auf- und Abfahren der Zylinderlochblende.

Hebelmechanismus der Zylinderblendung; Abb. aus: Hugo v. Mohl: Mikrographie, L.F.Fues, Tübingen 1846

Ausgestattet ist das Mikroskop mit den Okularen Nr. 2 und Nr. 3. Die Objektive Nr. 4 und Nr. 7 sind in einem kleinen lederbezogenen Kästchen zusammen mit den drei Einsätzen für die Zylinderlochblende untergebracht. Auf der Unterseite dieses Kästchens steht die Seriennummer des Mikroskops mit scharzer Tinte geschrieben. Lineare Vergrößerungen von 50-fach bis 300-fach sind mit diesen Optiken erzielbar.

Auf der einen Seite des Tubusträger prangt die dekorativ geschwungene Signatur:

Georges Oberhaeuser

und auf der gegenüberliegenden Seite

Place Dauphine 19,
à Paris.

Die Unterseite des runden Fußes ist mit Leder bezogen um das Instrument beziehungsweise die Tischauflage gegenseitig vor Schäden zu schützen. Vor der Spiegelöffnung der Trommel ist die Seriennummer des Instruments in die Messingbasis eingraviert: No 1336.

Das Mikroskop wird liegend im teilweise mit purpurnem Samt bezogenen Mahagoni-Kasten aufbewahrt.

Hierin befindet sich eine kleine herausnehmbare Schachtel, in der ein halbes Dutzend geschliffene Objektträger untergebracht sind und die ursprünglich wohl auch die Präpariernadeln enthalten haben. In einer Ecke der Holzschatulle ist die Seriennummer 1336 eingebrannt.

Von der zur Originalausstattung gehörenden Beistelllupe ist nur noch die Halterung für die Blendenscheibe erhalten. Auf einem Scharnier des Kasten steht ein alter Preis in schwarzer Tinte geschrieben: 65.00.

Noch im „Preis-Verzeichnis der achromatischen Mikroskope von E. Hartnack,

Nachfolger von G. Oberhaeuser in Paris / Place Dauphine, 21″ von 1861 erscheint dieses Mikroskop wie folgt:

  1. Achromatisches Mikroskop mit Vergrösserungen von 50, 65, 140, 172, 220 und 300; mit drehbarem Tisch und Platte desselben von schwarzem Glas, Cylinderblendungen, Beleuchtungslinse für opake Körper, Mahagonikästchen….290 Francs.

Mit drei Objektiven und einem weiteren Okular, um eine 600fache Vergrösserung zu erhalten…340 Francs.

Dieser Stativtyp wird von der Oberhäuser’schen Werkstätte schon in der zweiten Hälfte der 1830er angeboten

und befindet sich bis in die 1850er im Fertigungsprogramm der Firma. In der Größe weicht das Stativ kaum ab von der parallel produzierten mittleren Trommel wie sie auch noch unter Hartnacks Leitung weite Verbreitung findet. Im Beleuchtungsapparat, der Drehung um die optische Achse und der Glaseinlage des Tisches, unterscheidet sich dieses Stativ jedoch massgeblich von dem etwas kleineren Modell.

Hugo von Mohl diskutierte als Direktor des Botanischen Instituts der Universität Tübingen das hier gezeigte Mikroskopstativ

(Mikrographie, oder Anleitung zur Kenntniss und zum Gebrauche des Mikroskops. Verlag von L. F. Fues; Tübingen 1846) sehr ausführlich und gibt neben Ratschlägen zur Verbesserung der Konstruktion folgendes Urteil ab:

Dieses Mikroskopstativ gehört zu den vollkommensten, die es gibt. Für ein Reisemikroskop ist es etwas schwer, desto besser passt es dagegen für ein Standmikroskop, indem der schwere Fuss es eigentlich unmöglich macht, dass dasselbe durch Zufall umgeworfen wird. Der Objecttisch ist bei seiner bedeutenden Grösse (die Zeichnung ist in der Häöfte der wahren Grösse entworfen), und da er mit schwarzem Glase bedeckt ist, vortrefflich; die Möglichkeit, denselben um seine Achse zu drehen, ist in manchen Fällen sehr bequem. Oberhäuser gibt zwar seinen Mikroskopen keinen Schraubenmikrometer bei, allein es wäre ein solcher, ungeachtet dieser Bewegung des Objecttisches, wohl anzubringen, indem das Mikroskop gegen den Objecttisch unveränderlich fest steht und sich mit ihm bewegt. Die Bewegung der Blendung und des Dujardin’schen Beleuchtungsapparates durch die Hebelvorrichtung ist sanft und bequem, und lässt jede Modification des Lichtes zu.

Über Johann Georg Oberhäuser

Johann Georg Oberhäuser (1798 – 1868)

Der am 16. Juli 1798 als Sohn eines bayrischen Drechslermeisters in Ansbach (Mittelfranken) geborene Johann Georg Oberhäuser besucht das Gymnasium und will den Ingenieurberuf ergreifen. Durch den frühen Tod seines Vaters wird er jedoch gezwungen, 1812 als Mechanikerlehrling bei dem Universitätsmechaniker du Mouceau in Würzburg einzutreten. Nach drei Jahren stirbt sein Lehrherr und Oberhäuser begibt sich als Mechanikergehilfe im Frühjahr 1816 nach Paris. Dort gelingt es ihm, mit tüchtigen Fachleuten in Kontakt zu treten und so kann er sich schon 1830 mit Trécourt und Bouquet selbständig machen. Schon bald trennt sich Oberhäuser jedoch wieder von seinen Kompagnons. Feldstecher und Mikroskope werden die Haupterzeugnisse.

Zunächst verbessert er das aus dem 18. Jahrhundert stammende Trommelstativ ab 1835, wobei er es unter anderem im Innern des Fußes mit Blei beschwert. Das Schutzrecht auf ein ein „microscope achromatique vertical à miroir fixe avec platine à tourbillon“ wird Georges Oberhaeuser zusammen mit Achille Trécourt im Oktober 1837 erteilt. Oberhäusers Werkstatt gelangt schnell zu einem guten Ruf durch günstige und solide Instrumente mit ausgezeichneten achromatischen Objektiven.

Der Berliner Botaniker Hermann Schacht (Das Mikroskop und seine Anwendung, insbesondere für Pflanzen-Anatomie und Physiologie; Verlag von G.W.F. Müller, Berlin 1851) zum Beispiel lobt Mikroskope aus Oberhäusers Werkstatt sehr: Ich habe […] mindestens 30 Mikroskope verschiedener Grössen, von Oberhäuser angefertigt, unter den Händen gehabt, ich habe Jahre lang, erst mit einem kleinen, darauf mit einem mittleren Instrumente Oberhäusers gearbeitet, und deren Bilder sehr häufig, sowohl mit verschiedenen Mikroskopen von Schiek und Plössl, als auch mit Instrumenten von Norbert verglichen; dieser Vergleich entschied fast immer zu Gunsten Oberhäuser’s; ich habe kein schlechtes Instrument aus dieser Werkstatt gesehen; mit der Grösse der Mikroskope und mit dem Preis derselben steigt jedoch, wie natürlich, auch die Güte der Objective.

1848 führt Oberhäuser das Hufeisenstativ ein, welches von allen führenden Herstellern übernommen wird und fast 100 Jahre im Gebrauch bleibt. Ferner standardisiert Oberhäuser die Tubuslänge auf 160 mm auf Veranlassung der damaligen Anatomen. So bleibt das Mikroskop ausreichend klein, um feuchte Objekte vertikal betrachten zu können, was mit den damaligen britischen Instrumenten nur schwer möglich ist. Dabei konstruiert Oberhäuser seine Mikroskope so einfach wie möglich, unter Verzicht auf technische Verfeinerungen, wiederum ganz im Gegensatz zu englischen Instrumenten. So erfolgt die Grobeinstellung durch Verschieben des Tubus mit der Hand, während nur zum Feinfokus eine Mikrometerschraube vorhanden ist. Diese einfache Bedienung ermöglicht es den Forschern, sich ganz auf ihre mikroskopische Arbeit zu konzentrieren. So erfreuen sich Mikroskope aus Oberhäusers Werkstätte sowohl auf Grund ihrer hervorragenden Objektive als auch der praktischen und relativ preiswürdigen Hufeisenstative großer Beliebtheit.

Oberhäuser nimmt 1854 seinen Mitarbeiter Edmund Hartnack als Teilhaber auf. Dieser heiratet die Nichte Oberhäusers und übernimmt das Geschäft 1864, aus welchem sich sein früherer Chef mehr und mehr zurückgezogen hat.

Den Kontakt zu seiner Geburtsstadt läßt Oberhäuser nie abbrechen, in späteren Jahren setzt er eine Stiftung zur „Linderung der Armut und Förderung industrieller Zwecke“ in Ansbach aus. So wird ihm 1852 das Ehrenbürgerrecht der Stadt verliehen, deren Museen er mehrfach mit Schenkungen bedenkt. Oberhäuser verstirbt am 10. Januar 1868 in Paris.

Über das Exponat

Dieses Mikroskop gehört zum alten Bestand der Emery Candle Company, einer Firma die 1840 von Thomas Emery in Cincinnati, Ohio gegründet wird und ursprünglich der Kerzen- und Lampenproduktion gewidmet ist. Höchstwahrscheinlich wird dieses Mikroskop in den 1840ern vom Firmengründer erworben um damit die Rohstoffe zu untersuchen beziehungsweise den Fertigungsprozess zu überwachen. Für treue Dienste wird das Instrument 1999 einem Mitarbeiter als Abschiedsgeschenk überlassen.

Im März 2006 kann das Mikroskop schließlich für diese Sammlung erworben werden.

Vergleiche Referenzen

Referenz

1, 2, 47, 56, 83 sowie Billings Collection Washington , AFIP 49089 – 60-4713-12, S. 42, Abb. 79 signiert „Georges Oberhaeuser, Place Dauphine 19, Paris, No. 1391“ und ein identisches Stativ in der Ausstellung des Markgrafenmuseums Ansbach „Mikroskop von Johann Georg Oberhäuser“]

Falls Sie ein Instrument anzubieten hätten, würde ich mich über eine Nachricht immer sehr freuen.