Großes Dissektionsmikroskop

Georges Oberhaeuser in Paris

Pankratisches Dissketionsmikroskop nach Oberhaeuser um 1840

Das Mikroskop ist gefertigt aus klar lackiertem, geschwärztem und grün lackiertem Messing und schwarzem Glas. Zur Beleuchtung dient ein einfach drehbar gelagerter Spiegel; mit einer Revolverlochblendenscheibe kann die Apertur eingestellt werden. Das Stativoberteil inklusive der Tischplatte ist um die optische Achse drehbar.

Die Fokussierung erfolgt über einen Zahntrieb, der direkt auf den Tubus wirkt. Ausgestattet ist das Mikroskop mit einem Objektiv sowie einem bildaufrichtenden Okular, welches mit einer Überwurfkappe gesichert ist. Durch einen zweiten Zahntrieb kann die Vergrößerung variiert werden. Zur Beleuchtung opaker Objekte verfügt das Mikroskop zusätzlich über eine Beistelllupe.

Die Unterseite des runden Fußes ist mit Leder bezogen,

um das Instrument beziehungsweise die Platte des zum Mikroskopieren verwendeten Tisches gegenseitig vor Schäden zu schützen. Das Mikroskop wird liegend in der mit grüner Seide gepolsterten Mahagonischatulle untergebracht.
An den beiden Seiten des Tubusträgers ist das Instrument signiert:

Georges
Oberhaeuser
Ingénieur, Opticien,
breveté,
Place Dauphine, 19,
à Paris.

und

Microscope
achromatique
à Grossissements
variables.

Die Seriennummer des Mikroskops ist in die Basis des Fußes eingraviert: 790

Ausgestattet ist das Mikroskop mit einem Objektiv sowie einem bildaufrichtenden Okular, welches mit einer Überwurfkappe gesichert ist.

Bei diesem Mikroskop handelt es sich um eine frühe Version des ursprünglich von Achille Trécourt und Georges Oberhaeuser eingeführten pankratischen Dissektionsmikroskops, welches nach Vorschlägen des in Paris arbeitenden Anatomen Hercule Eugène Strauss-Durckheim (1796-1865) eingeführt und am 2. September 1839 der Académie des Sciences als Microscope achromatique à tous grossissemens (Archives des Découvertes et des Inventions nouvelles, faites dans les Sciences, les Arts et les Manufactures, tant en France que dans les Pays étrangers, pendant l’Année 1839; Treuttel et Würtz; Paris 1841: 214) vorgestellt wurde.

Dieses Mikroskop folgt als erstes Instrument seiner Art in der Ausführung bezüglich Handhabbarkeit und Größe nachweislich der Anatomie des Menschen und gilt in seiner Zeit entsprechend als ergonomisch durchdachtes Gerät.

Pieter Harting beschreibt dieses Instrument sehr ausführlich in seinem Buch Das Mikroskop. Theorie, Gebrauch, Geschichte und gegenwärtiger Zustand desselben

(Dr. Fr. Wilh. Theile; Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn; Braunschweig 1859: 766-768) wie folgt:

Ein […] Mittel zur Umkehrung ist dieses , dass man statt eines Objectivs zwei Objective nimmt und diese in solche Entfernung von einander bringt, dass jenes Bild, welches vom unteren erzeugt wird, durch das obere sich vergrössert darstellt. […] Die erste Idee dazu ist von Strauss-Durckheim (Traité pratique et théorique d’Anatomie comparée. I, p. 81) ausgegangen. Er theilte seine Ansicht Trécourt und Oberhäuser mit, und im Jahre 1839 legte letzterer der französischen Akademie ein nach diesem Principe verfertigtes sogenanntes Microscope à dissection vor (Comptes rendus. 1839. IX, p. 322). Bei diesem Mikroskope liessen sich die beiden Objective durch einen Trieb weiter von einander entfernen oder einander mehr nähern. Die Vergrösserung konnte von 0 bis zu 500 gehen. Bei der stärksten Vergrösserung blieb das untere Objectiv immer noch 4 Millimeter vom Objecte entfernt. Bei einer 150maligen Vergrösserung bleib noch ein Object von 0,2mm Durchmesser im Gesichtsfelde, bei einer 2maligen Vergrösserung en solches von 40mm Durchmesser. Dieses Oberhäuser’sche Dissectionsmikroskop (Fig. 313) hat ganz das nämliche Gestell, wie seine grossen Mikroskope ältern Modells. Nur schiebt sich in dem äussern Rohre ein inneres auf und nieder mittelst eines Triebes, wodurch die Veränderung im Abstande der beiden Objective und somit der veränderliche Vergrösserung zu Stande kommt.

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[…] Die Verbesserung von Trécourt und Oberhäuser lag […] darin, dass sie als bildumkehrendes Glas ebenfalls eine achromatische Linse benutzten, die ausserdem auch einen kürzeren Focus hatte. Dadurch nahm zuvörderst die Deutlichkeit und Schärfe des Bildes zu und es wurde zweitens auch möglich, eine grössere Breite der möglichen Vergrösserung zu erzielen. Ihr Beispiel fand auch bald Nachahmung. […] bei einem Instrumente aus dem Jahre 1846, worüber Mohl einen günstigen Bericht giebt, ist die schwächste Vergrösserung nur eine 6fache bei 70 Millimeter Abstand vom Objecte und einem Gesichtsfelde von 15,4 Millimeter Durchmesser, und die stärkste Vergrösserunggeht nur bis 68 bei 14 Millimeter Abstand vom Objecte, wovon dann nur noch gut 1 Millimeter übersehen werden kann. Bei diesem Instrumente ist Oberhäuser auch von seiner früheren Einrichtung abgewichen und er hat ein Ocular für irdische Objecte genommen. Davon rührt wahrscheinlich die grosse Länge des Rohres her: bei 6facher Vergrösserung steht das Ocular 23,6 Centimeter über dem Tsiche, bei 36facher 25 Centimeter, bei 68facher 32,5 Centimeter.

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Im „Preis-Verzeichnis der achromatischen Mikroskope von E. Hartnack, Nachfolger von G. Oberhaeuser in Paris / Place Dauphine, 21“ von 1861 erscheint dieses Mikroskop wie folgt:

  1. Achromatisches, bildumkehrendes Dissektionsmikroskop, nothwendig für Arbeiten, welche das unbewaffnete Auge nicht erlaubt, mit grosser Fokaldistanz und, ohne dass Okular und Linsen gewechselt werden, von 10- bis 150facher Vergrösserung, mit drehbarem Tisch und schwarzer Glasplatte, sowie Mahagonikasten…250 Francs.

Im Preis-Courant der Firma Dr. E. Hartnack et Cie aus dem Oktober 1872 sowie mit unverändertem Preis im „Preisverzeichniss der achromatischen Mikroskope von Dr.E.Hartnack & A. Prazmowski, Nachfolger von G. Oberhäuser“ aus dem Jahre 1876 wird das Instrument angeboten als:

  1. Dissektions-Mikroskop mit grosser Fokaldistanz und Bildumdrehung; Vergrösserungen (ohne Linsen- und Okularwechsel) von 10-100, drehbarer Tisch mit Glasplatte…250 Francs…200 Mark.

Im Preisverzeichnis der achromatischen Mikroskope von Professor Dr. E. Hartnack, Nachfolger von G. Oberhaeuser. (In Potsdam Waisenstrasse 39) von 1885 erscheint dieses Mikroskopstativ in gleicher Beschreibung und mit dem selben Preis:

  1. Dissektions-Mikroskop mit grosser Fokaldistanz und Bildumdrehung; Vergrösserungen (ohne Linsen- und Okularwechsel) von 10-100, drehbarer Tisch mit Glasplatte…250 Francs…200 Mark.

Damit handelt es sich um das am längsten im Angebot der Firma geführte Mikroskopstativ, welches über die Jahre nur geringfügig in der Ausführung geändert wurde.

Über Joahann Georg Oberhäuser

Johann Georg Oberhäuser (1798- 1868)

Der am 16. Juli 1798 als Sohn eines bayrischen Drechslermeisters in Ansbach (Mittelfranken) geborene Johann Georg Oberhäuser besucht das Gymnasium und will den Ingenieurberuf ergreifen. Durch den frühen Tod seines Vaters wird er jedoch gezwungen, 1812 als Mechanikerlehrling bei dem Universitätsmechaniker du Mouceau in Würzburg einzutreten. Nach drei Jahren stirbt sein Lehrherr und Oberhäuser begibt sich als Mechanikergehilfe im Frühjahr 1816 nach Paris.

Dort gelingt es ihm, mit tüchtigen Fachleuten in Kontakt zu treten und so kann er sich schon 1830 mit Trécourt und Bouquet selbständig machen. Schon bald trennt sich Oberhäuser jedoch wieder von seinen Kompagnons. Feldstecher und Mikroskope werden die Haupterzeugnisse.

Zunächst verbessert er das aus dem 18. Jahrhundert stammende Trommelstativ ab 1835, wobei er es unter anderem im Innern des Fußes mit Blei beschwert. Das Schutzrecht auf ein ein „microscope achromatique vertical à miroir fixe avec platine à tourbillon“ wird Georges Oberhaeuser zusammen mit Achille Trécourt im Oktober 1837 erteilt. Oberhäusers Werkstatt gelangt schnell zu einem guten Ruf durch günstige und solide Instrumente mit ausgezeichneten achromatischen Objektiven.

1848 führt Oberhäuser das Hufeisenstativ ein, welches von allen führenden Herstellern übernommen wird und fast 100 Jahre im Gebrauch bleibt. Ferner standardisiert Oberhäuser die Tubuslänge auf 160 mm auf Veranlassung der damaligen Anatomen. So bleibt das Mikroskop ausreichend klein, um feuchte Objekte vertikal betrachten zu können, was mit den damaligen britischen Instrumenten nur schwer möglich ist. Dabei konstruiert Oberhäuser seine Mikroskope so einfach wie möglich, unter Verzicht auf technische Verfeinerungen, wiederum ganz im Gegensatz zu englischen Instrumenten. So erfolgt die Grobeinstellung durch Verschieben des Tubus mit der Hand, während nur zum Feinfokus eine Mikrometerschraube vorhanden ist. Diese einfache Bedienung ermöglicht es den Forschern, sich ganz auf ihre mikroskopische Arbeit zu konzentrieren. So erfreuen sich Mikroskope aus Oberhäusers Werkstätte sowohl auf Grund ihrer hervorragenden Objektive als auch der praktischen und relativ preiswürdigen Hufeisenstative großer Beliebtheit. In den Jahren 1831 bis 1856 gehen 3000 Mikroskope aus Oberhäusers Werkstatt hervor.

Über das Exponat

Dieses Mikroskop kann im Juni 2008 aus einer privaten Sammlung für diese Sammlung gewonnen werden.

Referenzen und Vergleiche

Referenz

1, 2, 47, 56, 83, das hier gezeigte Instrument der Seriennummer 790 in Referenz 140 sowie Optisches Museum Oberkochen: „‚Microscope achromatique‘ / Georges Oberhäuser, Paris“ signiert am Tubusträger „Georges / Oberhaeuser, / brevete / Place Dauphine, 19. / Paris“ und „Microscope / achromatique / à / Grossissements / variables.“ auf der Basis „No. 1095“; Billings Collection Washington: „Georges Oberhaeuser, Paris, France, compound monocular; after 1840“ signiert „Georges Oberhaeuser / Brevete / Place Dauphine 19 / Paris“ und „Microscope / Achromatique / a / Grossissements / Variables / No. 1158“ AFIP 71796-60-4713-229 (Abb. 78, S. 41); Collection of Historical Scientific Instruments at Harvard University, USA: „drum-type compound microscope“, signiert am Tubusträger: „Georges / Oberhaeuser, / breveté, / Place Dauphine, 19, / Paris.“ und „Microscope / achromatique / à / Grossissements / variables.“ auf der Basis „No. 1194“, Inventory Number 1117; Optisches Museum der Ernst-Abbe-Stiftung Jena: Mikroskop signiert „Georges Oberhaeuser / Brevete / Place Dauphine 19 / Paris“ und „Microscope achromatique à grossissèment variables“ auf der Basis „No. 1183“.

Falls Sie ein Instrument anzubieten hätten, würde ich mich über eine Nachricht immer sehr freuen.