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Kastenmikroskop von Joseph von Fraunhofer, um 1820. Das Instrument ist aus klar lackiertem und gebeiztem Messing und blankem bzw. gebläutem Stahl hergestellt. Die Tischhöhe des Instruments beträgt 15 cm, der Kasten misst 12,7 x 26,6 x 13 [cm].
Das Mikroskop wird im Stile der britischen Chest-Mikroskope zum Verwenden aus dem Kasten geklappt. Zur Beleuchtung dient ein zweifach gelagerter großer Planspiegel. Die Fokussierung erfolgt über einen Zahntrieb, der auf eine freiliegende stählerne Zahnstange an der runden Stativsäule aus Messing wirkt.
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Das Instrument ist ausgestattet mit vier achromatischen Objektiven Nr. 1, 2, 3, und 4, sowie einem Okular; das zweite Okular ist abhanden gekommen. Eine dreifach gelagerte Kondensorlinse für Auflichtbeleuchtung kann am Tisch des Mikroskops befestigt werden; unter der Tischplatte befinden sich zwei Blattfedern, die als Halter für die Präparate dienen. Ein in Messing gefasstes konkaves Insektenglas kann in die Öffnung des Tisches eingesetzt werden und erlaubt zudem das Mikroskopieren von Flüssigkeiten.
| Zwei Objekthalter aus ebonisiertem Holz mit je vier Präparaten sind
in der teilweise mit schwarzem Samt ausgeschlagenen, mit Kirschbaum furnierten
Holzkassette ebenfalls untergebracht. Das Mikroskop verfügt ferner
über eine Handlupe in der Ausführung nach Fraunhofer.
Utzschneider u. Fraunhofer in München Die hier gezeigte Fraunhofer'sche Lupe wird vom Tübinger Botaniker Hugo von Mohl wie folgt beschrieben (Hugo von Mohl: Mikrographie oder Anleitung zur Kenntnis und zum Gebrauche des Mikroskops. L.F. Fues, Tübingen 1846: 28-29):
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Aus heutiger Sicht gelten die Mikroskope der Werkstätte von Joseph
von Fraunhofer (1787-1826) durch die Systematik der Herstellung des optischen
Glases und der dadurch ermöglichten achromatischen Linsenkombinationen
als erste achromatische Instrumente, die nach modernen wissenschaftlichen
Kriterien hergestellt und für wissenschaftliche Zwecke verwendet wurden.
![]() Im Wesentlichen ähnlich beurteilen dies bereits die
Mikroskopiker Mitte des 19. Jahrhunderts. So schreibt der dänische Arzt
Adolf Hannover (1814-1894) zum Verdienst Fraunhofers um die Mikroskopie (A.
Hannover: Das Mikroskop, seine Construction und sein Gebrauch. Leopold
Voss, Leipzig 1854: 28):
Nach Harting's Angaben soll Hermann Van Deyl ausgezeichnete achromatische Objectivlinsen im Jahre 1807 verfertigt haben. Gleichwohl waren Fraunhofer's (1811) achromatische Mikroskope die ersten, welche zu wissenschaftlichen Forschungen angewendet wurden; denn vor dieser Zeit diente das Mikroskop mehr als Spielzeug, oder blos als Unterhaltungsmittel. Fraunhofer's Objectiv bestand aus einer einzigen achromatischen Linse, in welcher die beiden Gläser nicht aneinander gekittet waren; die convexe Oberfläche der Linse war gegen das Object gekehrt; diese vergrösserte nicht stark und hatte ein kleines Gesichtsfeld, allein das Bild war schärfer und stärker beleuchtet, als bei nicht achromatischen Objectivlinsen. Mit Fraunhofer begann eine neue Aera in der Construction der Objectivlinsen. Die sphärische Aberration war indessen noch nicht beseitigt, denn sein Objectiv bestand nur aus einer Linse, welche nothwendig eine starke Convexität haben musste, und folglich sehr schwer zu schleifen war. Ähnlich urteilt Julius Vogel, datiert das erste Mikroskop von Fraunhofer aber 5 Jahre zu spät (Julius Vogel: Gebrauch des Mikroskopes zur zoochemischen Analyse und zur mikroskopisch-chemischen Untersuchung überhaupt. Leopold Voss, Leipzig 1841: 164):
Dieser Autor beschreibt auch die Konstruktion des hier gezeigten Mikroskops (ebd: 35): 1. Gestell des Mikroskopes. [ ] Bei den Mikroskopen von Chevalier und Lerebours dient der Kasten des Instrumentes zugleich als sein Fuss; es wird nämlich auf diesen aufgeschraubt. Eine ähnliche Einrichtung haben die kleinen Mikroskope von Frauenhofer; bei ihnen ist das Gestelle durch ein Charniergelenk an die eine Seite des Kastens befestigt; man braucht das horizontal im Kasten liegende Instrument nur aufzuschlagen und vertical zu stellen, um es sogleich in der gehörigen Lage für Beobachtungen zu haben. |
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Das erste Mikroskop Fraunhofers entsteht in dessen Werkstätte in Benediktbeuern, 1819 zieht das Unternehmen nach München und die Signaturen ändern sich entsprechend, nur die Glasöfen bleiben als Institutseigentum in Benediktbeuern (Carl Max von Bauernfeind: Gedächtnisrede auf Joseph Fraunhofer zur Feier seines hundertsten Geburtstag. Verlag der königlich bayerischen Akademie der Wissenschaften, in Kommission bei G. Franz (J. Roth); München 1887: 17). |
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![]() Die bekannten Mikroskopstative (sowohl das große Stativ
als auch das hier gezeigte Reisemikroskop und das kleine Stativ) mit der
frühen Signatur
Utzschneider, Reichenbach und Fraunhofer in Benedictbeurn und Utzschneider und Fraunhofer in Benedictbeurn weisen alle konische Objektive mit einer einfachen achromatischen Linse auf. Mit der Signatur Utzschneider und Fraunhofer in München finden sich Instrumente, die sowohl mit konischen als auch mit zusammengesetzten (aplanatischen) Objektiven ausgestattet sind. Es ist daher davon auszugehen, dass es sich bei den konischen Objektiven um die älteren handelt - damit also auch das hier gezeigte Mikroskop zu den frühen Instrumenten aus München zählt, welche zu Lebzeiten Fraunhofers dort hergestellt werden. Der Botaniker Hugo von Mohl urteilt über die Leistungen Fraunhofers zwei Jahrzehnte nach dessen Tod wie folgt (Hugo von Mohl: Mikrographie oder Anleitung zur Kenntnis und zum Gebrauche des Mikroskops. L.F. Fues, Tübingen 1846: 66-67): Die Bahn zur Verbesserung [der Mikroskope] wurde von Fraunhofer und Amici gebrochen, welche etwa um das Jahr 1815 die ersten achromatischen Mikroskopobjective verfertigt zu haben scheinen, denen in England erst im Jahre 1824 Tulley folgte. Bei diesen Mikroskopen wurde, wie bei einem Fernrohre, eine einzige achromatische Linse als Objectiv verwendet. Die Leistungen dieser Instrumente sind mir aus eigener Ansicht nur von den Fraunhofer'schen bekannt; dieselben waren nicht sehr bedeutend. Diese Mikroskope zeichnen sich zwar allerdings vor den nicht achromatischen durch die Reinheit und Lichtstärke ihres Bildes aus, allein sie waren mit sehr schwachen Objectiven versehen, so dass stärkere Vergrösserungen durch starke Oculare erzwungen werden mussten, was immer beim Mikroskope mit einem sehr ungünstigen Erfolge geschieht. |
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| Das erste Mikroskop aus Fraunhofers Werkstatt wird 1811 angeboten
(Gilbert's Annalen der Physik 38 (1811): 347):
XIV. Preiscurrent des optischen Instituts der Herren UTZSCHNEIDER, REICHENBACH und FRAUENHOFER zu Benedictbeuern in Baiern. [ ] Ein zusammengesetztes Mikroskop mit 4 achromatischen Linsen, 2 Ocularen, Apparat und Kästchen 77 fl. Ein gleiches, mit 4 einfachen Linsen, 1 Ocular, Apparat und Kästchen 58 fl.
Verzeichniß der optischen Werkzeuge, welche in dem optischen Institute zu Benedictbeurn, UTZSCHNEIDER, REICHENBACH und FRAUNHOFER für nachstehende Preise im 24 fl. Fuß verfertigt werden: [ ] Zusammengesetztes Microscop, mit 4 achromatischen Objectiven, 2 Ocularen, Apparate und Kästchen 77 fl. Zusammengesetztes Microscop, mit 3 Objectiven, 1 Ocular, Apparate und Kästchen 58 fl. [ ] Das optische Institut beschäftigt sich, unter der unmittelbaren Aufsicht und Bemühung seiner Mitglieder, mit der Verfertigung großer Achromatischer Refractoren. [...] So ist auch ein großes Microscop mit achromatischen Objectiven von vorzüglicher Wirkung fertig geworden. München den 18. November 1812. |
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Es folgt 1816 (Zeitschrift für Astronomie und verwandte Wissenschaften 2 (Julius, August 1816): 173-179): XVIII. Verzeichniß der optischen Werkzeuge, welche in dem optischen Institute zu Benedictbeurn, Utzschneider et Fraunhofer für nachstehende Preise verfertigt werden. [ ]
20. Zusammengesetztes Microscop, mit einem vollständigen Apparat, vier achromatischen Objectiven und zwey Ocularen, nebst Kästchen. Die Flächen der Gegenstände werden 400, 900, 2500, 5620 und 12100 mal vergrößert --- 130 fl. 21. Zusammengesetztes Microscop, mit einem vollständigen Apparat, drey achromatischen Objectiven und einem Ocular, nebst Kästchen. Die Flächen der Gegenstände werden 400, 900, 2500, und 5620 mal vergrößert --- 61 fl. 22. Reise-Microscop, mit zwey achromatischen Objectiven, Spiegel, Stiel-Lupe, Schieber, Zängelchen etc. Alles in einer messingenen Hülse - 44 fl. [ ] Auf Verlangen gegen 40 Kreuzer per Stück werden perspectivische Zeichnungen in Groß-Quart-Format von den Nr. 1, 2, 4, 6, 19, 22 und 26 abgegeben. [ ] München, den 1. September 1816. J. Utzschneider Die hier erscheinenden perspektivischen Zeichnungen verschiedener ausgewählter Instrumente werden auch später noch angeboten, allerdings wird nur 1816 das Reisemikroskop gezeigt, später findet sich nur noch das große Mikroskop als Zeichnung im Angebot (hier als Lithografie in der Ausführung von 1820 gezeigt). Im Jahre 1820 werden die Mikroskope mit gleicher Beschreibung und Preisen angeboten, nur das Reisemikroskop kostet nun 52 fl - dieses Verzeichnis bleibt bis zum Tode Fraunhofers unverändert gültig und wird auch noch im Dezember 1826 abgedruckt, das große Mikroskop kostet nun 560 fl. Das hier gezeigte Mikroskop findet sich 1820 wie folgt wieder:
[ ] 22. Zusammengesetztes Microscop mit einem vollständigen Apparat, vier achromatischen Objectiven mit zwey Ocularen, nebst Kästchen. Die Flächen der Gegenstände werden 400, 900, 2500, 5620 und 12100 mal vergrößert --- 130 fl. [ ] München, den 1. November 1820. 1830 schließlich taucht ein weiteres Mikroskopstativ im Preisverzeichnis auf und der Nachfolger des hier gezeigten Mikroskops wird nun mit zusammensetzbaren Objektiven angeboten (Astronomische Nachrichten 8(174) (1831): III/2) als: Fortsetzung der Preiscourantes des optischen Institutes in München von UTZSCHNEIDER und FRAUNHOFER. [ ] 27. Zusammengesetztes Microscop mit einem vollständigen Apparat, vier achromatischen Objectiven mit zwei Ocularen, nebst Kästchen. Die schwächste Linear-Vergrößerung ist 20 oder die der Flächen 400, die stärkste Linear-Vergrößerung aber 225, oder die der Flächen 50625mal -- 136 fl. [ ]
Der Kasten des hier gezeigten Mikroskops ist mit einem 1,8 mm starken Kirschholzfurnier versehen und unterscheidet sich damit von den Kästen der übrigen bekannten Kastenmikroskope Fraunhofers. Diese aufwendige und teure Schreinerarbeit wird in den Preislisten Fraunhofers, wie oben aufgeführt, sonst nur für das große Mikroskop angeboten.
Der spätere Nachfolger Fraunhofers, Georg Merz (1793-1867) verbringt
den Abend mit Fraunhofer, als dieser die Beugung am Gitter als technisch
nutzbar entdeckt (Leonhard Jörg: Fraunhofer und seine Verdienste
um die Optik. Eine literarhistorische Abhandlung als Inaugural-Dissertation.
J.G. Weiß, Universitätsbuchdrucker; München 1859: 23):
Fraunhofer verwendet das Mikroskop primär als Hilfsmittel zur Kontrolle der mit seiner Teilmaschine in Glas geritzten Gitter, welche er für die eben dieser Entdeckung folgenden Versuche benötigt (ebd: 23-24): Gitterlinien einer Periode von 0,0001223 Pariser Zoll [3,3 Mikrometer] waren mit dem stärksten zusammengesetzten Mikroskop nicht mehr wahrnehmbar.
Man kann daraus schliessen, was möglicher Weise durch Mikroskope noch zu sehen ist. Ein mikroskopischer Gegenstand z.B., dessen Durchmesser = omega ist, und der aus zwei Theilen besteht, kann nicht mehr als aus zwei Theilen bestehend erkannt werden. Dieses zeigt uns eine Gränze des Sehvermögens durch Mikroskope. Diese Erkenntnis gerät jedoch in Vergessenheit und wird erst einige Jahrzehnte später neu formuliert. Die achromatischen Optiken Fraunhofers haben damit zwar ein nur begrenztes Auflösungsvermögen, doch durch die hervorragende Korrektur der chromatischen Abberation eine große Lichtstärke. Identische Mikroskopstative, signiert mit Benediktbeuern bzw. München sind in folgenden Museen erhalten:
Dieses Mikroskop wird 1990 im Antiquitätenhandel in Wien erworben und gelangt in eine Münchner Privatsammlung. Aus dieser kann das Instrument im Mai 2009 für die hiesige Sammlung gewonnen werden. [Vergleiche Referenz 1, 2, 9, 12, 13, 14, 15, 17, 25, 56, 64, 73, 88, 140, 151] |
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