Sehr frühes Präpariermikroskop

Carl Zeiss Jena

Frühestes Zeiss Mikroskop aus 1847/48

Das Stativ besteht aus geschwärztem und zaponiertem Messing, schwarz lackiertem und gebläutem Stahl sowie blankem Federstahl. Zum Mikroskopieren wird das Stativ auf den Kasten in eine Schwalbenschwanzführung aufgeschoben. Zur Beleuchtung dient ein drehbarer Planspiegel, eine plankonvexe Kondensorlinse kann unter der Tischplatte in den Strahlengang eingeschaltet werden.

Das Mikroskop verfügt nur noch über eine der ursprünglich drei Doublets,

dieses trägt die Schlagziffer 3.

Zum Transport wird das Mikroskop vom Nußbaumkasten abgenommen und der Fuß in eine Schwalbenschwanzführung im Innern des Kastens gesteckt, so dass das Instrument dort wagrecht gelagert wird. Im Innern des Kastens finden auch die ursprünglich mit dem Stativ ausgelieferten drei Doublets in einem mit Samt bezogenen kleinen, dicken Holzbrett Platz. Ein Knopf aus gedrehtem weißen Horn (Elfenbein?) erlaubt es, dieses Brettchen anzuheben, um in dem darunter befindlichen Fach die Utensilien zum Mikroskopieren unterzubringen.

Auf der dunkel gebeizten Tischplatte ist das Mikroskop mit einfachen Schlagbuchstaben signiert:

C. Zeiss Jena

Alle Teile des Mikroskops,

sowie der Holzkasten tragen die in einfacher Art aufgebrachte Kennzeichnung VIII – es dürfte sich daher um das achte Instrument einer Kleinserie handeln.

Es sind in der Literatur nur zwei Abbildungen eines Mikroskops von Zeiss bekannt, dass in allen Details dem hier gezeigten Instrument gleicht (höchstwahrscheinlich handelt es sich hierbei um ein und das selbe Gerät, heute in der Sammlung des Optischen Museums der Ernst-Abbe-Stiftung Jena):

  • In der Monografie zu Ernst Abbe wird 1918 von Felix Auerbach ein Mikroskop dieser Art auf 1848 datiert gezeigt.
  • In der Abhandlung zu Carl Zeiss – Leben und Werk von Paul G. Esche aus dem Jahre 1966 ist ein Mikroskop dieser Art als erstes einfaches Mikroskop von Carl Zeiss dargestellt.

Spätestens ab 1849 werden diese Stative von Zeiss auf den Kasten geschraubt – diese konstruktive Lösung ist sowohl günstiger in der Herstellung, da die Montur auf der Drehbank hergestellt werden kann und nicht gefräst werden muss, als auch für den Anwender praktischer, da er nicht Gefahr läuft, dass bei einer unsachgemäßen Bewegung des auf dem Kasten geschobenen Mikroskops dieses aus der Führung rutscht und zu Boden fällt. Auch die Objektklemmen dieses Stativtyps werden wenige Jahre nach der Einführung des Mikroskops gegen solche getauscht, die einfacher zu fertigen sind.

Der Botaniker Matthias Jacob Schleiden schreibt 1849 in der dritten Auflage seines Werkes Die Botanik als inductive Wissenschaft auf Seite 22:

Meinen Zuhörern empfehle ich als äusserst brauchbar für sämmtliche Zwecke der Lernenden, die einfachen Mikroskope, welche hier in Jena vom Mechanikus Zeiss verfertigt werden. Ein sehr zweckmässiges Gestell mit grober und feiner Einstellung der Linsen mit feststehendem Tisch nebst drei sehr klaren Vergrösserungen 15, 30 und 120mal nebst einigen Objectträgern und Deckgläschen kostet nur 11 Thlr.pr.Ct. Auch die früher von mir empfohlenen ähnlichen Körner’schen Instrumente werden fortwährend in derselben Werkstätte in gleicher Güte mit Vergrösserungen (15, 30, 60, 100mal) zu 14 Thlr., mit Weglassung der 60maligen Vergrösserung zu 11 Thlr. angefertigt.

Im Preissverzeichniss der mikroskopischen Geräthschaften welche in der Werkstätte des Carl Zeiss in Jena gefertigt werden wird der Nachfolger dieses Stativs 1849 angeboten als:

Nr. 1 Einfaches Mikroskop mit feststehendem grossen Tisch nebst Federklammern, einer gröberen und einer feineren Einstellung der Linsen, einem ebenen Beleuchtungsspiegel nebst Sammellinse, den nöthigen Object- und Deckplatten und vier getrennten Linsencombinationen (Dublets) von 15-, 30-, 60- und 120facher Linearvergrösserung. Die ersten drei dieser Dublets haben einen zum Präpariren bequemen Focalabstand. Das Ganze ist in ein verschliessbares Etuis von polirtem Nussbaum eingelegt und eingerichtet beim Gebrauch darauf geschraubt zu werden. 13 Thlr.

Nr. 2 Dasselbe Instrument mit 15-, 30- und 120- oder 15-, 30- und 60facher Vergrösserung. 11 Thlr.

Dieses Mikroskop trägt (noch) keine Seriennummer, erst später wird die Seriennummer auf dem Stativ vermerkt, obwohl in den Auslieferungsbüchern die Stative bereits gezählt werden.

Interessanterweise ist dieselbe Vorgehensweise bei Carl Kellner in Wetzlar bekannt: Erst ab Seriennummer 65 wird diese fortlaufende Nummer in das Stativ eingeschlagen.

Bis 1849 werden von Zeiss 62 Stative des Präpariermikroskopes hergestellt – bei dem hier gezeigten Instrument handelt es sich um eines dieser ersten Instrumente. Dies erklärt auch die deutlich erkennbaren Spuren der Feile unter dem Lack des schwarzen Stativteils.

Über Carl Zeiss

Carl ZeissCarl Zeiss (1816-1888) wird als Kind fünftes Kind des Hofdrechselermeisters Johann Gottfried Zeiß in Weimar geboren. Nach seinem Schulbesuch in Weimar absolviert Carl Zeiss 1834-1838 eine Mechanikerlehre beim Universitätsmechaniker Dr. Friedrich Körner in Jena. Nach Abschluß der Lehre besucht Zeiss 1835-1838 Vorlesungen der Universität Jena in Mathematik, Experimentaphysik, Antropologie, Mineralogie und Optik. Es schließen sich 1838-1845 Wanderjahre mit Stationen in Stuttgart, Wien, Berlin und Darmstadt an. Im Jahre 1845 kommt Carl Zeiss wieder nach Jena und absolviert ein Praktikum am physiologischen Institut bei Prof. M. J. Schleiden.

Carl Zeiss wird die Konzession zur Fertigung und zum Verkauf von mechanischen und optischen Instrumenten in Jena am 19.11.1846 durch die Großherzogliche Landesregierung in Weimar erteilt. Die erste Werkstätte befindet sich in der Neugasse 7 in Jena. Im Juli 1847 zieht die Werkstatt in die Wagnergasse 32 und im August diesen Jahres wird als erster Lehrling August Löber eingestellt. Im September 1847 wird die Produktion einfacher Lupenmikroskope, entsprechend dem hier gezeigten Instrument, aufgenommen. Erst 1857 werden die ersten zusammengesetzten Mikroskope in der Zeiss’schen Werkstatt gefertigt. 1866 wird das 1000. Mikroskop hergestellt; kurz darauf beginnt im selben Jahr die Zusammenarbeit mit Ernst Abbe. 1872 schließlich werden die Optiken der Mikroskope nach Abbes Berechnungen konstruiert.

Zum Exponat

Dieses Mikroskop wird von Simon Weber-Unger, Wien für einen wahren Freundschaftspreis an diese Sammlung verkauft – ihm gilt mein aufrichtiger Dank dafür!

Referenzen und Verweise

Vergleiche: Referenz 2, 25, 54, 62, 70, 130; sowie die bereits mit verbesserter Montierung des Stativs auf dem Kasten jeweils: Optisches Museum Oberkochen: „Einfaches Lupenstativ mit Linsenverstellung, Carl Zeiss, um 1850“ signiert: „2773 C. Zeiss Jena“ (fertiggstellt 1876; Anmerkung des Verfassers), Medicinsk Museion, Københavns Universitet: „Mikroskop (1867, Carl Zeiss, Jena)“ signiert: „Carl Zeiss / Jena“ die dreistellige Seriennummer ist im Museum nicht lesbar; Boerhaave Museum Leiden, NL: „Specimen microscope“, signiert „519. C. Zeiss Jena“, inventary # V07145]

Falls Sie ein Instrument anzubieten hätten, würde ich mich über eine Nachricht immer sehr freuen.