Kleines Stangen-Mikroskop

von F. W. Schiek

Kleines Schiek Stangenmikroskop;

Dreibeiniges Stangenstativ von 1844 im Kasten, zaponiertes und geschwärztes Messing, gebläuter Stahl.

Das Mikroskop verfügt über einen einzigen Trieb über eine in der Prisemstange eingelassene Zahnstange. Als Apertur fungiert eine Zylinderblende welche durch ein Lochblendenrad reguliert werden kann. Die Objekte können über eine Gabel als Objektklammer am Tisch gehalten werden.

An Zubehör ist leider nur noch ein Okular Nr. 0 erhalten sowie drei Segemente des Satzobjektivs, versehen mit den Schlagzahlen 2, 3, und 4.

Der schön gefaßte Plan- und Konkavspiegel ist dreh- und schwenkbar gelagert.

Nicht ungewöhnlich für die Zeit ist der fehlende Feintrieb – kleine und mittelere Mikroskope, auch solche von Plössl, werden ohne Feintrieb ausgeliefert, bei den großen Stativen wird der Feintrieb nur auf gesonderte Bestellung angebracht. M.J. Schleiden in Jena vergißt so bei seinem großen 1842 ausgelieferten Mikroskopstativ von Plössl den Feintrieb mit zu bestellen und beklagt 1847 dass er daher bis zur Nachrüstung sein Plössl-Mikroskop mehrere Jahre lang nicht benutzen kann.

Die Signatur des Instrumentes befindet sich auf dem Tubus. Hier liest man mehrzeilig in dekorativer Schrift:

Schiek in Berlin
No 229

Liegend wird das Mikroskop im Mahagoni-Kasten mit brauner Samtpolsterung untergebracht.

In einem Zeitschriftenartikel N.N.: Die Neuesten mikroskopischen Entdeckungen (Illustrierte Zeitung II (39): 200-203 (1844)) aus dem Jahre 1844 ist eben dieses Stativ abgebildet. Hier steht zu dem Mikroskop:

Die Neuesten mikroskopischen Entdeckungen

[…]

Die Naturforscher haben sich freilich zu allen Zeiten der Mikroskope bedient, aber wie mangelhaft und beschränkt waren ihre früheren Instrumente gegen jetzt, wo Schiek in Berlin, Oberhäuser in Paris, Plößl in Wien und Andere die optische Tüchtigkeit der Mikroskope zu einem hohen Grade der Vollendung brachten.

[…]

Die neuen zusammengesetzten Mikroskope, welche Composita genannt werden, namentlich von den oben genannten Optikern verfertigt, bringen es selten zu einer Vergrößerung über 3000 Mal im Durchmesser, aber diese Vergrößerungen benutzen die Forscher selten und gewöhnlich haben sie eine 200 bis 600, selten eine 800malige nöthig, um die Objecte richtig zu erkennen.

[…]

Wir lassen zuerst die Abbildung eines Schiek’schen Mikroskops folgen, wie dasselbe in seiner einfachsten Gestalt besteht. Die Säule e ruht auf drei Füßen fff, welche zusammengeklappt werden können. Auf derselben steht der Mikroskopträger b, an welchem der Schieber c mittelst der Schraube d und der an dem Träger angebrachten Zähne auf- und abgeschoben werden kann, um das Mikroskop in die gehörige Sehweite zu bringen. Mit dem träger ist das Rohr a des Mikroskopes, in welchem die verschiedenen Gläser befindlich sind, befestigt. An der Säule e ist der Objectentisch h befindlich, der zwei kleine Löcher zum Aufstecken der Objecte hat. Unterhalb des Tisches ist die Blendung i, eine Scheibe, welche sich um ihren Mittelpunkt dreht und drei Löcher von verschiedenem Durchmesser hat, um das Sehfeld nach Befinden zu verkleinern. Unterhalb des Objectentisches an der Säule e ist der Spiegel g angebracht, welcher nach zwei Richtungen hin beweglich ist und das Sonnenlich unter das Object hin reflectirt, während ein Doppelkonvexglas k, das mittelst der an der Stütze desselben angebrachten Gelenke in jede beliebige Stellung gebracht werden kann, dazu dient, das Sonnenlicht auf die obere Seite undurchsichtiger Objecte zu concentriren. Neben der Hauptfigur haben wir eine Verbesserung des Schiek’schen Mikroskopes in leichten Umrissen gezeichnet, welches dasselbe der Plößelschen [sic!] Construction annähert. Der Untersatz ist derselbe wie beim vorigen, trägt aber oben eine Kugel, an welche der Mikroskopträger befestigt ist, so daß man durch dessen Umdrehung das Mikroskop in horizontaler und verticaler Lage gebrauchen kann. Auch der Objecttisch ist etwas verändert und die Blendung zum Schieben eingerichtet. Zugleich ist eine Mikrometerschraube vorhanden um das Object gehörig zu centriren und nach Befinden zu messen. Der Spiegel befindet sich an dem Mikroskopträger, da er mit demselben die horizontale Lage muß annehmen können.

Über Friedrich Wilhelm Schiek

Friedrich Wilhelm Schiek

Friedrich Wilhelm Schiek wird 1790 als Sohn eines Chirurgen in Herbsleben, Thüringen geboren. Sein Vater wechselt den Beruf und zieht mit der Familie nach Frauensee.

Im nahegelegenen Schloß Philippsthal des Prinzen Ernst Constantin zu Hessen-Philippsthal entsteht kurz vor 1800 eine mechanische Werkstatt. Als Nachfolger des Hofmechanicus Heinrich Carl Wilhelm Breithaupt wird 1800 Ludwig Wisskemann als erster Hofopticus und Mechanicus ernannt; bei ihm geht der junge Schiek von 1808 bis 1811 in die Lehre. In Schieks Lehrbrief wird sein Fleiß und gute Benehmen besonders hervorgehoben.

Mit solch guten Referenzen wird Schiek als Mitarbeiter bei Pistor in Berlin aufgenommen. Carl Philipp Heinrich Pistor (1778-1847 ) hat bereits 1810 einfache physikalische Geräte angeboten und spätestens 1813 eine eigene Werkstätte gegründet, in der neben astronomischen und geodätischen Instrumente auch Mikroskope gefertigt werden. Letztere sind nach dem Vorbild der englischen Geräte gebaut, z.B. nach Jones, Ellis, Adams etc.

Das älteste bekannte Stück mit der Signatur „Pistor & Schiek“ ist der Preußische Ur-Maßstab von 1816. Als Gründungsjahr der Firma Schiek wird schließlich 1819 angegeben, vier Jahre vor Plössl (mit dessen Stil die Mikroskope Schieks häufig verglichen werden). Das optisch-mechanische Institut bezeichnet sich später selbst in Anzeigen als älteste Mikroskopfabrik Deutschlands.

Möglicherweise ist Schiek bis zum Jahr 1824 als Zulieferer für Pistor tätig. Danach wird er Teilhaber, die Firma nennt sich Pistor & Schiek. Aus dem Jahre 1829 liegt in den Astronomische Nachrichten Bd .7 eine ausführliche Preisliste vor.

Sehr wahrscheinlich ist Schiek neben dem kreativen Theoretiker Pistor der mechanische Künstler in der Werkstatt. Man spricht in der Literatur der Zeit lobend von den Schiek’schen Mikroskopen, was den Schluß nahelegt, dass Schiek sich schon früh allein um die Mikroskopherstellung bei „Pistor & Schiek“ kümmert. Gegen Ende des Jahres 1836 trennt sich Schieck schließlich von Pistor.

In der Dorotheenstraße 31 baut Schiek ab 1837 in eigener Werkstatt Mikroskope. Schon bald siedelt Schiek in die Marienstraße 1a in größere Räume um. Bei der Berliner Gewerbeausstellung von 1844 wird Schiek eine goldene Medaille für den Bau seiner Mikroskope verliehen. Man stellt die Leistung der Instrumente aus Schieks Werkstatt mit jenen von Georges Oberhaeuser Paris und Simon Plössl Wien gleich. Besonders erwähnt wird bei allen drei, dass keine überzogenen Preise für die Mikroskope verlangt werden würden. Die mittleren Stative aller drei Firmen belaufen sich dabei um 1850 auf gut 100 Thaler – das entspricht dem halben Jahrslohn eines gut bezahlten Mechanikers.

Bis Mitte der 1850er verwenden Schiek und Plössl starke Okulare und schwache Objektive – im Gegensatz zu Oberhaeuser und Amici welche die Vorteile höherer Auflösung bei umgekehrtem Verhältnis bereits erkannt haben. Zudem werden Mikroskope von Oberhaeuser und Hartnack seit Beginn mit festen System ausgeliefert, während Schiek noch bis 1860 zusammensetzbare Objektive baut.
Der „Rothe Adler Orden 4. Klasse“ wird Schiek 1858 vom preußischen König für seine Verdienste im Mikroskopbau verliehen. Bis zu diesem Zeitpunkt haben 954 Mikroskope die Werkstatt verlassen. Von 1837 bis 1864 werden insgesamt 1340 Instrumente ausgeliefert.

Die Werkstatt zieht 1864 in die Halleschestraße 15 und zwischen 1868 und 1870 weiter ins Nachbarhaus Nr. 14, Rudolf Virchow (Darstellung der Lehre von den Trichinen, mit Rücksicht auf die dadurch gebotenen Vorsichtsmaßregeln. Verlag von Georg Reimer; Berlin 1864: 49) empfiehlt in jenem Jahr die einfachen Mikroskope von Schiek für die Trichinenschau und gibt in seinem Werk noch die alte Anschrift des berühmten Optikers Schiek in Berlin an. In den Jahren 1860 bis 1864 bildet Schiek seinen Sohn Friedrich Wilhelm Hermann Schieck [sic!] aus, der die Werkstatt schließlich 1865 übernimmt. F.W. Schieck spezialisiert sich auf die Weiterentwicklung handlicher und zugleich leistungsstarker Trichinen- und Reisemikroskope. Sein Vater stirbt 1870.

Über die weitere Geschichte von „F.W.Schieck Berlin“, siehe die Diskussionen späterer Instrumente der Firma auf diesen Seiten!

Über das Exponat


Ausgeliefert wird dieses Instrument nach der handschriftlichen Auslieferungsliste von Schiek als kleines Mikroskop am 13. August 1844 an Minister von Perovsky nach Petersburg ausgeliefert (Professor Schleiden in Jena erhält kurze Zeit später ein identisches Stativ mit der Seriennummer 232). Lev Alekseevich Perovsky (9.9.1792 – 9.11.1856) studiert an der Universität Moskau; er wird für seine Verdienste im Feldzug gegen Napoléon hoch dekoriert und arbeitet daraufhin im Außenministerium. Für Kunst und Wissenschaft setzt er sich engagiert ein, betreut entsprechende Hochschulen, wird Leiter des botanischen Gartens von St. Petersburg, koordiniert verschiedene archäologische Ausgrabungen und beschäftigt sich mit Mineralogie. Eines der wichtigsten Minerale des Urals wird nach ihm benannt: Perowskit. Von 1841 – 1852 bekleidet der dem russischen Adel angehörende L.A. Peroffsky [Schreibweise nach Schiek, 1844] das Amt des Innenministers des Zarenreichs Rußland, während dessen erwirbt er das hier gezeigte Mikroskop.

Aus Rußland kehrt dieses Instrument Ende der 1990er nach Deutschland zurück und kann 2003 für die Sammlung gewonnen werden.

Referenzen und Vergleiche

Vergleiche

Mikroskopsammlung des Medizinhistorischen Instituts der Universität Bern: Mikroskop „Schiek in Berlin No. 369“

Referenz

25; 86; 95; viele der Daten zu F.W. Schiek mit freundlicher Unterstützung von Hans Weil, Berlin; Recherche zu Lev Alekseevich Perovsky mit freundlicher Unterstützung von Dr.-Ing. Marya Lisinenkova und Dr. Karl Schmetzer; Vermittlung des Instrumentes mit freundlicher Unterstützung von Bernhard Sorg, Saarbrücken – ihm möchte ich hier nochmals herzlich danken!

Falls Sie ein Instrument anzubieten hätten, würde ich mich über eine Nachricht immer sehr freuen.